Di Renjie - ein internationales literarisches Nachleben
Der historisch verbürgte Beamte und Würdenträger Di Renjie (狄仁傑) (630-700) diente in der Tang-Dynastie sowie der Kaiserin Wu Zetian, wurde als brillanter Denker sowie sehr diplomatischer Ratgeber bekannt. Und erarbeitete sich posthumen Ruhm als Held von international bekannten Detektivgeschichten. Wodurch der fiktionale Di heute bekannter als sein historisches Vorbild ist - und zugleich ein kurioses Beispiel von scheinbarer "kultureller Aneignung" sein könnte.
Der "echte" Di Renjie ging als gerechter, kluger Mann in die Geschichte ein. Und irgendwann auch in die Geschichten. Die im alten China vor allem mündlich überliefert wurden. Aber spätestens im 19. Jahrhundert auch gesammelt, niedergeschrieben und dann gedruckt. Etwa als 武则天四大奇案 (Wǔzétiān sì dà qí àn, übersetzt "Die vier großen Fälle von Wu Zetian"). Dies war im Kern ein Buch im Genre des Gong'an, was (wie auch die eigentliche Hauptperson) im alternativen Titel deutlicher wird: 狄公案 (Di gong’an, etwa "Die Fälle des Richters Di"). Urheberrecht allerdings war zu jener Zeit kein grosses Thema, demzufolge existieren diverse Versionen des anonym erschienenen Buches.
Drei dieser Versionen (ein Manuskript, sowie in Shanghai gedruckte Ausgaben von 1904 und 1947, fanden ihren Weg in die Sammlung des niederländischen Orientalisten Robert Hans van Gulik (1910-1967). Der neben seinen diplomatischen Aufgaben (bis 1942 in Tokyo, danach in Chongqing) mehr als genug Zeit fand, eine fundierte, auf die drei wesentlichen Kriminalfälle reduzierte Übersetzung ins Englische anzufertigen.
Dabei übernahm er allerdings bewusst nur die ersten 31 Kapitel, die folgenden 34 verwarf er als minderwertig und von einem weniger begabten Autoren verfasst. Für Krimifreunde kein Verlust, denn in ihnen geht es mehr um das höfische Leben. Als "Celebrated Cases of Judge Dee" erschien seine so gekürzte Übersetzung 1949 als Privatdruck in Tokyo. 1200 Exemplare, alle handsigniert, für Sammler der "Heilige Gral". Dabei schuf van Gulik allerdings keine moderne Übertragung, sondern übersetzte den Originaltext unter Beibehaltung fast aller Eigentümlichkeiten. Im Nachwort deutete er jedoch an, dass auch eine vorsichtig modernisierte Übertragung des gesamten Genres denkbar wäre.
1950 schon machte van Gulik Ernst, legte seinen ersten, auf Englisch geschriebenen Roman mit der Hauptfigur "Richter Di" vor. Der erschien nun zunächst in japanischer Übersetzung (erstellt durch seinen Freund Professor Ogaeri Yukio) in Tokyo, dann 1953 in einer chinesischen Übersetzung (erstellt durch van Gulik selbst) in Singapur, 1956 endlich auch im englischen Original, und erst 1966 auf Deutsch unter dem Titel "Mord im Labyrinth". 14 Romane, zwei Novellen und eine Anzahl Kurzgeschichten folgten. Wobei der letzte Roman, "Poeten und Mörder", erst 1968 posthum erschien.
Kulturelle Aneignung? Eher nicht, denn van Gulik schrieb vor allem eine Hommage an die Gong'an-Literatur, und vermied als Orientalist und Kenner der chinesischen Kultur einen "westlichen Blickpunkt". Man kann sein Di-Universum als ein leicht fiktionalisiertes, historisches China sehen, in dem der exotische Handlungsort nicht durch die kolonialistische Brille gesehen wird.
Wo van Gulik sich fröhlich dem "Di gong'an" anschloss war ... in den Anachronismen. Die goldene Zeit der klassischen Gong'an war in der Ming-Dynastie, doch die dort gesammelten Erzählungen haben im Fall des Di Renjie eine historische Basis in der weit früheren Tang-Dynastie. Was bedeutete, dass man zwar eine Geschichte von "damals" erzählte, aber gelegentlich Elemente von "heute" einbrachte. Das mag aus Versehen geschehen sein, oder mit Absicht, die Gelehrten streiten sich. So sind im klassischen Gong'an etwa bestimmte Bräuche und Lebensgewohnheiten eher Ming denn Tang, teilweise auch die Verwaltungsstrukturen. Was aber eigentlich nur Historikern auffällt. Dem Zuhörer (oder später Leser, noch später Zuschauer) geht es schlicht als gewohntes "Geschichtsbild" durch.
Nur als Nebenbemerkung eingeworfen: Sowas gibt es heute noch! In der liebevoll ausgestatteten deutschen Krimiserie "Babylon Berlin" etwa fliegen die Helden mit einer Junkers Ju 52 ... zu einer Zeit, als es den Flugzeugtyp noch gar nicht gab. Und mit einer Schiebetür, die man am Original nicht findet. Echt jetzt? Naja, nur Flugzeug-Nerds schütteln den Kopf. Wenn der Protagonist dann später noch eine Herz-Lungen-Wiederbelebung hinlegt, deren Methodik erst dreißig Jahre später entstand, wem fällt das überhaupt auf?
Doch zurück zu Di Renjie - als van Gulik "Di gong'an" übersetzte, verzichtete er eben auf korrigierende Eingriffe, dem Original zuliebe. Und als er mit "Mord im Labyrinth" seine eigene Krimireihe startete, behielt er diesen Stil weitgehend bei. Immer wieder freimütig zugebend, dass er Anachronismen verwendete. Was dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut - es ist einfach ein "ewiges China", das sich nicht exakt einordnen lassen will.
Noch eine Nebenbemerkung: Auch im C-Drama wird dieser Kunstgriff mittlerweile gerne bewusst eingesetzt! In der Fantasy-Serie "Der große Feng-Nachtwächter" etwa verwendet man "magische Jadesteine" wie Smartphones (mit allen Nachteilen von Konferenzschaltungen). Und im historisch recht genauen "Der längste Tag in Chang'an" imitieren die Gardesoldaten der Tang-Dynastie ins Detail exakt das Vorgehen von modernen SWAT-Teams. Und selbst der große Jin Yong strapazierte die in seinen Werken verwendeten historischen Zeitlinien oftmals bis fast zum Zerreißen.
In China selbst war Di Renjie allerdings lange Zeit allenfalls in alten Wälzern zu finden, so diese denn Krieg, Bürgerkrieg und Kulturrevolution überlebten. Bis dann irgendwann nach Maos Tod (1976) Professor Zhao Yiheng während seiner Fremdsprachenstudien van Guliks Bücher entdeckte. Und sich an ihnen so begeistern konnte, dass er sie in Fachzeitschriften und Massenmedien lobte. Prompt traten mehrere Verlage an ihn heran, ob er denn nicht eine Übersetzung in Mandarin liefern könne ... eine Aufgabe, die er wegen anderer Verpflichtungen an seinen Freund Chen Laiyuan abtrat. Der dann mit einem kleinen Mitarbeiterstab zwischen 1981 und 1986 eine komplette Übertragung schufen und in die Buchläden brachten.
Das chinesische Di-Renjie-Fieber begann ... etwa gar nach kultureller Aneignung die kulturelle Heimholung? Nein, eher ein chinesischer Grundstoff, der in der Fremde verfeinert, und dann wieder abschließend in der Heimat endgültig gewürzt wird. Ein globales Phänomen, wie auch "Kung Fu Panda". Und ohne Probleme verweisen moderne chinesische Versionen darauf, dass sie auf den Werken eines Niederländers basieren, der aus chinesischen Quellen schöpfte. Eine kulturelle Symbiose also.
Schon 1986 schufen Chen Laiyuan und seine Kollegen im Auftrag des chinesischen Fernsehens eine Serie mit 25 Episoden, 狄仁杰断案传奇 ("Die Legende von Di Renjie"). Im Prinzip sich eng an van Guliks Werk haltend, aber aus dramaturgischen Gründen eher gerafft erzählt. 1996 folgte dann die Serie 狄仁杰与武则天传奇 ("Die Legende von Di Renjie und Wu Zetian"), die Di vor allem als "aufrechten Beamten" portraitiert und in ihrer Darstellung schon wesentlich enger am historischen Di blieb.
Heute hat man einen schier endloses Angebot an Kinofilmen, C-Dramen, sogar Videospielen zum Thema "Di Renjie" zur Auswahl. In einem Spektrum vom alten Weisen am Kaiserhof bis hin zum dynamischen Actionheld. Von unterschiedlicher Qualität (vor allem viele Fernsehfilme von etwa einer Stunde Laufzeit sind recht einfach gestrickt), und sich mehr oder weniger historisch fundiert gebend.
Hat man jedoch Di Renjie (oder auch "Detective Dee") in sein Herz geschlossen, ist es wie mit Sherlock Holmes ... man muss einfach alles zumindest einmal sehen, auch wenn es schmerzen mag.
Illustration: Adaption einer Strichzeichnung des Di Renjie in einem alten chinesischen Buch, vor 1920 entstanden.

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