Welches Genre darf es denn sein?
Ein Problem bei der Beschäftigung mit chinesischer Abenteuerliteratur, oder auch Fantasy, ist die Klassifizierung - was im Westen irgendwie in irgendeine Kategorie geworfen wird, gehört im Osten meist zu einem (oder auch mehreren) genau definierten Genre. Wer also "ein ähnliches Buch" sucht, hat es im Buchladen in Peking meist leichter als im Thalia an der Ecke oder der Suche bei Amazon. Zumindest bei der Grobsortierung.
Werfen wir also einmal gemeinsam einen Blick auf die vielleicht wichtigsten Genres, die sich (zumindest teilweise) mit dem Jianghu beschäftigen ... in (westlicher) alphabetischer Reihenfolge.
Biji
笔记 (bǐjì, übersetzt "Notizen") sind ein Genre der klassischen chinesischen Literatur, die Inhalte wurden (zumindest vorgeblich) aus den Notizbüchern und Merkzetteln des Autors zusammengestellt. Es sind sehr persönliche Sammlungen von Essays, Anekdoten, Poesie und Beobachtungen aus dem Alltag.
Viele der darin enthaltenen Geschichten sind von späteren Autoren auch in Abenteuerromanen verarbeitet worden und hielten so auch Einzug in das Jianghu. Die über tausend übernatürlichen Ereignisse, die etwa Ji Yun (1724-1805) aufzeichnete, bilden heute den Grundstock vieler Abenteuer- und Fantasyromane.
Chuanqi
Den Biji nahe verwandt sind 传奇 (chuánqí, übersetzt "Legende" oder "Geschichte von erstaunlichen Dingen"), auch sie befassen sich mit den verschiedensten Themen. Und häufig eben auch dem Übernatürlichen.
Der wesentliche Unterschied: Während Biji gewollt wie aus dem Zettelkasten gekramt daherkommen, haben Chuanqi eine klare erzählerische Struktur. eine übergreifende Handlung, und oftmals einen sehr komplizierten Plot. Vom Umfang her allerdings sind sie Kurzgeschichten oder Novellen, keine ausschweifenden Romane.
Chuanyue
Bücher und andere Medien aus dem Genre 穿越 (chuānyuè, übersetzt "hinübergehen") können prinzipiell allen anderen Genres ähnlich sein. Ihr spezieller Sonderpunkt liegt in der "Herkunft" mindestens eines Protagonisten - dieser ist nämlich durch die Zeit und manchmal auch andere Dimensionen gereist, kommt in der Regel aus der Zukunft. Die neue Welt, in der er sich findet, weist oft auch magische und phantastische Elemente auf, so wird eine Kollision mit offizieller Geschichtsschreibung schon im Vorfeld vermieden.
Die Handlungsstränge sind dann allerdings meist wieder eng an ein herkömmliches Genre angelehnt, wobei der Protagonist meistens allein sein Wissen über die moderne Welt nutzen kann. Das muss aber nicht unbedingt ein immenser Vorteil sein, denn es gilt immer, dies in die Praxis umzusetzen. Die einige "Überlegenheit" ergibt sich daher oft nur durch eine andere Denkensart, die verknöcherte Strukturen durchbricht.
Danmei
Wie Chuanyue stellt auch 耽美 (dānměi, übersetzt etwa "der Schönheit verfallen") meist nur eine besondere Spielart der verschiedenen anderen Genres dar ... mit der Zugabe von BL. Diese ursprünglich aus Japan stammende Chiffre steht für "Boys' Love", und meint nichts anderes die homosexuelle Liebe zwischen jungen Männern.
Homosexualität ist seit 1997 in China nicht mehr strafbar, also sollte sich kein Problem ergeben, oder? Andererseits gibt es strenge Gesetze gegen Pornographie und Obszönität, so dass allzu deutliche Darstellungen von homosexuellen Beziehungen schnell offizielle Stellen auf den Plan rufen können. Literatur und andere Medien, die unter das Label "Danmei" fallen, sind daher immer in einer rechtlichen Grauzone unterwegs. Was manche Autoren dann damit "entschärfen", dass sie nationalistische Thematik einflechten.
Interessant am Rande: Die wahrscheinlich meisten Autoren im Danmei-Segment sind weiblich. Und auch das Publikum besteht zum überwiegenden Teil aus weiblichen, heterosexuellen Lesern. Denen laut Untersuchungen vor allem die Liebe "auf Augenhöhe" gefällt, im Gegensatz zu den als überkommen geltenden klassischen Geschlechterrollen.
Gong'an
Der Begriff des 公案小说 stammt ursprünglich vom Tisch, an dem der Magistrat (und Richter) über Fälle entschied - die beste Übertragung lautet "Kriminalfall-Roman" oder "Detektivgeschichte". Populär wurden diese Geschichten vor allem in der Ming- und danach Qing-Dynastie, auch wenn sie oft in früheren Jahren spielten. Bekannte Beispiele sind die Romane um die Richter Di (Tang-Dynastie) und Bao (Song-Dynastie).
Gong'an einfach mit "Krimi" zu übersetzen wäre, trotz gewisser Ähnlichkeiten, falsch. Die Romane haben eine andere Struktur - Hauptperson ist der Magistrat, dem die Fälle zugetragen werden. Der Täter ist oft schon zu Beginn der Geschichte bekannt, dem Gericht bleibt es nur überlassen, den genauen Verlauf des Verbrechens und die Motive zu erklären. Mehr didaktisch denn detektivisch also. Übernatürliche Elemente können dabei allerdings auch eine Rolle spielen - mancher Täter wird durch die Intervention der schon Verstorbenen zum Geständnis getrieben.
Die auch in China populären Romane um Richter Di aus der Feder von Robert Hans van Gulik allerdings nähern sich dem "westlichen Krimi" an, und übernatürliche Vorkommnisse werden meist recht bodenständig erklärt.
Shenmo Xiaoshuo
Das Genre der 神魔小说 (shénmó xiǎoshuō, übersetzt "Götter- und Dämonen-Romane") wurde erst 1930 vom chinesischen Literaten Lu Xun (1881-1936) als Begriff eingeführt - für jene Geschichten, in denen eben Götter und/oder Dämonen wesentlich in die Handlung eingreifen. Oder sogar Protagonisten sind. Bestes Beispiel dieses Genre? "Die Reise nach Westen" natürlich ...
Während der Kulturrevolution (1966-1976) waren Shenmo Xiaoshuo absolut verpönt. Durch ihre Nähe zu Volksglauben und Folklore erlebten sie jedoch fast unmittelbar nach dieser Unterdrückung einen neuen Boom.
Wuxia
Das Wort 武俠 selbst sagt es schon - zusammengesetzt aus den Elementen 武 (wǔ, übersetzt etwa "kriegerisch", "militärisch" oder "bewaffnet") und 俠 (xiá, übersetzt etwa "ritterlich", "Kavalier", "Vigilant" oder einfach zusammenfassend "Held"). Geschichten von edlen Recken also. Wobei dann die Protagonisten oft noch unterschieden werden. In 俠客 (xiákè, übersetzt etwa "der dem Ehrenkodex folgende") oder 遊俠 (yóuxiá, übersetzt etwa "wandernder Held").
Moderne Wuxia-Geschichten spielen meistens in einem historischen, aber (zumindest teils) fiktionalisierten China. Dabei kann der historische Hintergrund ganz genau definiert sein, oftmals ist er ein wesentliches Element der Handlung selbst. Am anderen Ende der Skala steht dagegen ein nur verschwommen wahrnehmbares "altes China". Wobei selbst Anachronismen durchaus geduldet werden, manchmal kaum wahrnehmbar mit einem Augenzwinkern eingebaut.
Phantastische Elemente sind eine andere Freiheit, die sich Autoren und Drehbuchschreiber gerne gönnen. Magie, übernatürliche Kräfte oder Fähigkeiten, sogar Fabelwesen können vorkommen. Im Gegensatz zur Kampfkunst, der die Helden mächtig sein müssen, sind sie jedoch reines Dekor. Ebenso wie romantische Verflechtungen, die vor allem im C-Drama ein wichtiger Punkt sind.
Das Grundgerüst einer Geschichte im Wuxia-Genre ist relativ einfach: Typisch ist ein junger, oft in den Dingen des Lebens noch relativ unerfahrener Protagonist, der eine Tragödie erleben muss. Danach zieht er dann aus, um die Kampfkunst zu erlernen. Praktisch unterwiesen wird er meist von verschiedenen Lehrern, so dass er unterschiedliche Techniken und Philosophien kennen lernt - was in der eher streng reglementierten, an Schubladendenken gewohnten Realität selten vorkam. Er verinnerlicht dabei die Prinzipien des ritterlichen Verhaltens, schafft sich seinen persönlichen Ehrenkodex, und reift so zu einem Helden im Jianghu.
Xianxia
Der Xia bleibt, der Gesamtbegriff aber ändert sich: 仙侠 (xiānxiá) lässt uns den Helden, definiert ihn aber neu. Mit dem Element 仙 (xiān, grob übersetzt etwa "übernatürlich"). Ein Begriff aus der Mythologie, vor allem aus den taoistischen Schriften, der sich nicht genau fassen lässt. Erwartet man von Taoisten denn irgendetwas anderes? Ein Xian, das kann ein kraftvolles Geistwesen sein, ein Gott, ein taoistischer Meister.
Oder auch ein einfacher Mensch, der durch "Selbstkultivierung" zu einem höheren Erkenntnisstand und längerem Leben gelangt. Diese Selbstkultivierung ist keineswegs definiert, allgemein gesprochen ist sie eine Mischung aus klassischer (philosophischer) Bildung und Selbstreflexion. Dabei spielt oft auch eine gewisse Askese eine Rolle, die aber von "bierernst und Hunger leidend" bis zu "alles in einem vernünftigen Rahmen" rangiert.
Protagonisten im Xianxia streben oft "Unsterblichkeit" an, werden ab entsprechendem Niveau auch schon als "Unsterbliche" bezeichnet. De facto handelt es sich aber meist nur um recht langlebige Sterbliche.
Xuanhuan
Eigentlich ein Portfoliobegriff, denn 玄幻 (xuánhuàn) lässt sich pauschal einfach als "Fantasy" übersetzen und steht für jede Art von phantastischer Literatur aus China. Hier können Elemente von Wuxia und Xiangxia Schulter an Schulter mit Elementen aus der westlichen Tradition stehen. Die verschiedensten Kulturen dürfen vermischt werden, von Magiern bis zu Fabelwesen und Dämonen kann auftreten, wer lustig ist.
Diese grenzenlose Freiheit macht Xuanhuan zu einem der populärsten Genres des modernen China, vor allem durch das Internet popularisiert, und mit Millionen von Werken (sehr unterschiedlicher Qualität) gesegnet. Heldentum, Romanzen und vor allem die Probleme mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben sind Hauptthemen, der Markt wird von Jugendlichen dominiert. Viele der Werke sind extrem derivativ, der Ideenklau blüht.
Die Kehrseite der Medaille: Die weitaus meisten Xuanhuan-Werke sind reiner Eskapismus und weisen nicht einmal im Ansatz zum Nachdenken anregende Elemente aus. Weswegen die Popularität des Genre oftmals als Symptom der allgemeinen Realitätsflucht unter Jugendlichen angesehen wird.
Zhi Guai Xiaoshuo
Erwähnung verdient auch noch das Genre 志怪小说 (zhì guài xiǎoshuō, übersetzt etwa "übernatürliche Geschichten"), das erstmals in der Han-Dynastie erschien und in der Tang-Dynastie zur Blüte gelangte. Wie der Name schon sagt, sind es Geschichten, in denen das Übernatürliche, Wiedergeburt, Götter, Dämonen und Geister behandelt werden.
Die klassischen Texte werden heute noch gelesen, das Genre selbst ging allerdings zusammen mit den ohnehin schon ähnlichen Biji und Chuanqi weitgehend im Xianxia auf.
Was dann auch zu einem mehr oder minder weisen Schlusswort führt:
Alles klar?
Die Unterteilung der chinesischen Abenteuer- und Fantasyliteratur in die oben genannten Genres ist abseits von Wuxia und Xianxia (und vielleicht Gong'an) eher akademischer Natur. Meist gibt es, gerade bei modernen Werken und im C-Drama, keine "reine Form". Stattdessen werden Elemente aus den verschiedenen Genres gemixt, Chuanyue und Danbei könnten ohne kräftige Anleihen bei Wuxia oder Xianxia eigentlich kaum existieren.
Und so sind dann Bücher, Filme oder andere Medien meistens wie ein echter Feuertopf beim Abendessen ... alles kommt rein, und das Ergebnis überrascht immer wieder neu.
Illustration: Buchladen im Stadtviertel Wangfujing, Peking

Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Alle Kommentare müssen von mir freigeschaltet werden - das kann je nach Tagesform etwas dauern. Kommentare, die in keinem Zusammenhang mit dem Posting stehen, werden schlichtweg nicht veröffentlicht.