Karl May im Jianghu
Der deutsche Schriftsteller Karl May (1842-1912) kehrte gerne den Weltreisenden hervor und begeisterte die Jugend des Wilhelminischen Zeitalters mit seinen Abenteuern. Unterwegs selbst erlebt. Er war der edle Held, der deutsche Tugenden in den Wilden Westen und den Vorderen Orient brachte. Als "Old Shatterhand" oder "Kara Ben Nemsi". Und selbst nach China verschlug es ihn.
So zumindest die Legende.
Denn, das ist lange bekannt, der Name "Old Lügenbold" hätte besser zu dem Zuchthäusler und Serienbetrüger gepasst. Seine wilden Abenteuer hatte er in Wahrheit nie erlebt, immer nur erfunden. Und exotische Reisen (mit allem Komfort) machte er erst, als er die Phantasien darüber erfolgreich in klingende Münze verwandelt hatte.
Aber werfen wir hier doch einmal einen Blick auf Karl Mays China-Literatur. Denn die passt zum Thema des Blogs. Auch Karl May wanderte als ritterlicher Held durch China. Also als Youxia im Jianghu, oder zumindest irgendwo an seinem Rande.
"Der Kiang-lu"
Dieses "Abenteuer in China von Karl May" erschien erstmals 1880 in der Zeitschrift "Deutscher Hausschatz in Wort und Bild", einem katholischen Wochenblatt. Seit 1894 ist es Teil des Buches "Am Stillen Ozean", heute Band 11 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag. Mittlerweile allerdings als Teil einer längeren Erzählung namens "Im Zeichen des Drachen".
Die Geschichte selbst ist May-typisch schlicht gestrickt und somit auch schnell nacherzählt: Der Ich- Erzähler "Charley" (Karl May selbst) ist per Schiff auf dem Weg nach China, schafft es aber in einem Taifun nur auf die (japanischen) Bonin-Inseln. Dort nun rettet er dem jungen Chinesen Kong-ni das Leben - was jener damit quittiert, "Charley" nicht nur einen Talisman zu schenken, sondern ihm auch zu einem chinesischen Titel zu verhelfen. Da der Talisman das Erkennungszeichen von Flusspiraten ist, die "Charley" bei einer Fahrt auf dem Perlfluss bei Hong Kong gefangen nehmen, gelingt ihm prompt die Flucht samt Rettung einer Holländerin. "Charley" schippert dann nach Kanton (Guangzhou) weiter, wo er in Schwierigkeiten gerät und vor einen Richter gezerrt wird. Der nun ist, welch weiterer Zufall, ein Onkel Kong-nis, bewirtet den Erzähler, und ermöglicht seine Weiterreise zu Kong-nis Vater. Jener aber steckt mit dem Flusspiraten-Chef, eben dem "Kiang-lu", unwissentlich unter einer Decke. "Charley" wird einmal mehr gefangen genommen. Kann sich (und eine ebenfalls gefangene chinesische Christin) aber umgehend befreien, und der Kiang-lu stürzt in einen Abgrund. Ende gut, alles gut.
So dürfen auch die Chinesen am deutschen Wesen genesen. Personifiziert durch Karl May selber, den Ich-Erzähler "Charley". Der zu Beginn das "wunderbarste Land des Ostens" in servilem Ton vergöttert, sich selber dann umgehend als Übermensch präsentiert: Körperlich allen überlegen, von außerordentlichem Geschick in allen Dingen, mit modernsten Waffen ausgestattet, das Chinesische perfekt beherrschend, und moralisch unangreifbar. Sendungsbewusstsein und Egomanie im Kompaktpaket.
Dabei wird es dann schnell grotesk. Etwa in dem Moment, in dem "Charley" sich einen chinesischen Beamtenrang unter den Nagel reißt. Irgendwo hatte Karl May sich ein paar theoretische Details zum chinesischen Beamtentum angelesen, an tieferen oder gar praktischem Wissen allerdings haperte es gewaltig. So berichtet "Charley" zwar korrekt vom roten Knopf am Hut der Mandarine ersten Ranges, ist aber vollkommen unbeleckt von der Examenshölle. So, wie er es beschreibt, wäre eine Beamtenprüfung schlicht nicht möglich gewesen. Dann setzt er aber noch einen drauf, und will dem Leser weismachen, er habe sich mit einer passenden Robe, einem angeklebten Zopf und (natürlich) perfektem Chinesisch im Reich der Mitte problemlos als Einheimischer ausgeben können. Was, mit Verlaub gesagt, in etwa so wahrscheinlich ist wie ein unerkannter Schwarzafrikaner in Lederhosen am Hof Ludwigs II. in Neuschwanstein.
Durchweg deutlich spürbar ist Karl Mays Bemühen um Glaubwürdigkeit. Der Leser wird geradezu bombardiert mit Fakten und Daten, die der "Abenteurer" sich schlicht aus anderen Werken ausgeliehen hat. Das wirkt kompetent, zeigt aber bei näherem Hinsehen oft Schwächen, wie das Beispiel mit der konfusen Beamtenprüfung schon belegte. Und nachprüfbar waren diese Fakten, Mays angebliche Sprachkenntnisse (sie waren nicht vorhanden) und generell alle weiteren Beschreibungen von Land und Leuten ja ohnehin kaum - entweder man landete bei denselben Quellen, oder musste eben Mays Worte für bare Münze nehmen. Sozusagen als "lived experience". Ein Begriff, der auch heute gar manche wilde Behauptung vor allzu genauer Untersuchung schützt.
So ist dann "Der Kiang-lu", egal in welcher Fassung, letztlich nur eine weitere von Mays Räuberpistolen mit exotischem Hintergrund - das von ihm präsentierte China ist Fassade, zusammengeklaubt aus diversen Quellen, nicht von wirklicher Kenntnis geprägt. Von den Chinesen ganz zu schweigen, die man ohne Probleme mit einer beliebigen anderen Ethnie vertauschen könnte.
"Kong-Kheou, das Ehrenwort"
Wesentlich bekannter als "Der Kiang-lu" ist Karl Mays auch wesentlich umfangreicherer China-Roman ... der allerdings den meisten Lesern unter einem anderen Titel präsentiert wurde. In den Jahren 1888 und 1889 erschien die Erstfassung als "Kong-Kheou, das Ehrenwort" in der Zeitschrift "Der Gute Kamerad". Schon 1892 folgte dann eine bearbeitete Fassung als Buchausgabe der Union Deutsche Verlagsgesellschaft. Jetzt mit dem Titel "Der blaurote Methusalem", heute Band 40 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag.
Auch diese "lustige Studentenfahrt nach China" (so der Untertitel) ist relativ schnell zusammengefasst: Fritz Degenfeld (ewiger Student und daher "Methusalem" genannt, gesegnet mit einer blau-roten Säufernase) geht auf Reise ins Reich der Mitte. Gesucht wird der Onkel seines Begleiters Richard Stein, die Familie des in Deutschland lebenden Teehändlers Ye-Kin-Li, und dessen Familienschatz gleich dazu. Nach einer Reihe von nahezu vorhersehbaren Abenteuern, auch ein Piratenüberfall ist wieder dabei, ebenso wie Gefangenschaft und Befreiung, kommt das unvermeidbar gute Ende für die Helden und ihre Lieben. Anders als Mays erste China-Erzählung, aber doch irgendwie in den Grundzügen ähnlich.
Der wesentliche Unterschied zum "Kiang-lu" ist vor allem die Erzählperspektive, denn hier tritt kein Alter Ego Karl Mays in den Vordergrund. Mit Degenfeld wird ein glaubwürdigerer Held präsentiert, zwar auch dem Rest der Figuren überlegen, aber dennoch kein Übermensch. Dazu kommt die Geographie, statt nur in Küstennähe herumzustreunen, müssen die Protagonisten rund 700 km ins Landesinnere, China wird greifbarer.
Ein weiterer Unterschied findet sich natürlich im Umfang - ist der "Kiang-lu" bestenfalls eine Novelle, so kommt "Kong-Kheou" als ausgewachsener Roman daher, vom Heftchen zum Wälzer. Das begünstigt das abgerundete Bild des Helden, der eingeführt und nicht mehr als gegeben hingenommen wird. Es begünstigt aber auch die Ausgewogenheit des Textes. Der Stil ist wesentlich lesbarer - es ist eine Erzählung für die Jugend, und May fährt die belehrenden und pseudopoetischen Passagen zurück. Er mag vielleicht ebenso viele didaktische Einschübe wie in seinem früheren Text eingebaut haben, doch ich habe sie nicht gezählt, teilweise sogar überlesen. Aber wenn man, die Zahlen mal einfach aus der Luft gegriffen, fünfzig solcher Exkurse auf hundert Seiten verteilt, dann ist das wesentlich penetranter als auf fünfhundert Seiten. Karl Mays Kampf um die Glaubwürdigkeit als vielgereister Autor ist immer noch spürbar vorhanden. Er erschien ihm aber vielleicht nicht so dringlich wie in dem Moment, als er sich selbst als Held der Geschichte einsetzte.
Wobei dem Leser immer noch die von May aus zahlreichen Quellen gewonnenen Versatzstücke der Länderkunde präsentiert werden. Allerdings bleiben diese auch im "Kong-Kheou" eine Sammlung teils trivialer Fakten, die eine authentische Atmosphäre schaffen sollen, letztlich jedoch nie ein sinnvolles Gesamtbild ergeben können. Auch hier bleibt China Fassade, und die Chinesen sind meist nur Stichwortgeber, Kulisse. Sie sind, um einen anderen modernen Begriff zu verwenden, NPCs. Non-Player Characters, beliebig austauschbar.
Dazu liefert Karl May neue Beispiele für seine Unkenntnis der chinesischen Sprache, nicht einmal die gängigen Grußformeln kennt er. Und an einer Episode zeigt sich noch einmal mehr, wie wenig sich May in die Lage eines Europäers im Reich der Mitte, oder in Asien überhaupt, hineinversetzen kann - als man incognito reisen will, gibt man schlicht vor, eine Gruppe von Lamas aus Lhasa zu sein. Um den oben schon genannten Pseudobayern nicht erneut zu bemühen: Ebenso gut hätten die Helden behaupten können, sie seien Lamas aus den Anden.
Was man dem "Kong-Kheou" zugutehalten muss: Das Buch ist ein "klassischer Karl May"! Eine relativ gradlinige Abenteuergeschichte, ein Ensemble von bunten Charakteren, ein gewisser Bildungsanspruch, ein exotischer Hintergrund, ein Sieg des Guten über das Böse. Und jetzt unbelastet durch einen letztlich unglaubwürdigen Ich-Erzähler, der sich selbst in den Vordergrund drängt. Damit wird dann der "blaurote Methusalem" zu dem China-Abenteuer Mays, das der chinesischen Abenteuerliteratur vielleicht am nächsten kommt.
China! Wunderbarstes Land des Ostens?
So (wenn auch ohne Fragezeichen) begann Karl May den "Kiang-lu", voll des Lobes, sich selbst in den Staub werfend (zumindest verbal, mehr konnte man von ihm wohl nie erwarten).
Was aber hielt der Mann aus der sächsischen Provinz wirklich von dem Land, das er selbst nie gesehen hatte? Ein Einschub dazu erscheint mir an dieser Stelle angebracht. Denn nicht nur benötigt es in Mays Geschichten eben deutsche Herzen und deutsche Helden, um das Weltgefüge wieder in Ordnung zu bringen. Nein, diesem Bestreben scheinen China und auch der Chinese an sich heftig entgegen zu arbeiten.
Um es kurz zu machen: Karl May lobhudelt erst einmal, entlarvt sich dann selbst aber schnell als typischer Europäer mit den gängigen Vorurteilen anderen Kulturen gegenüber. Von "wunderbar" bleibt da in Windeseile nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, den Weltreisenden aus dem Westen kann China nur schrecken. Die Straßen einer chinesischen Stadt etwa beschreibt May im "Kiang-lu" als "enge, dunkle Gassen und Gäßchen", dazu noch "meist schmutzig, stinkend und kloakenhaft".
Doch ist dies noch gar nichts gegen die Chinesen selber, die "Charley" begegnen. Sie kommen daher mit "schiefen Augen, [...] Stumpfnase und [einem] breiten, zahnlosen Munde", eben als lebende Beispiele rassistischer Karikaturen, insgesamt "eine nicht sehr appetitlich aussehende Bevölkerung". Auch charakterlich dem Besucher nicht das Wasser reichen könnend: "Der Chinese zeichnet sich mehr durch List und Verschlagenheit als durch Körperkraft aus; er bramarbasiert gern, läßt sich aber durch Energie und Charakter sofort einschüchtern."
Wer nun meint, dass diese Darstellung ein Ausreißer sei, der wird im "Kong-Kheou" eines Besseren belehrt, denn die chinesische "Kultur ist hochbetagt, greisenhaft alt. Die Adern sind verhärtet und die Nerven abgestumpft; der Leib ist verdorrt und die Seele vertrocknet." Und die Chinesen selber sind nun einmal unsauber, feige, und dabei auch noch äußerst grausam.
Es schüttelt den Herrenmenschen ... so sehr, dass er in der Erzählung "Der schwarze Mustang" (erstmals abgedruckt 1896/1897 in der Zeitschrift "Der Gute Kamerad", heute Teilinhalt von Band 38 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag, "Halbblut") die als exotische Staffage dienenden chinesischen Bahnarbeiter wahlweise diebisch, feige, übelriechend und/oder unsauber sind. Verachtet nicht nur von den bösen Comanchen, sondern auch von den anderen Bahnarbeitern, und sogar den Lichtgestalten Winnetou und Old Shatterhand (also wieder "Charley" alias Karl May selber). Summa summarum: Karl May war kein Freund Chinas und der Chinesen.
Biographisches Zwischenspiel
Nun müssen wir aber etwas vom Werk abschweifen, einen Blick auf den Menschen Karl May werfen. Denn der war zutiefst provinziell geprägt, hatte vielleicht mal in einer "Völkerschau" einen Asiaten gesehen, ansonsten aber nur Buchwissen ohne echte Tiefe. Das verarbeitete er teilweise sogar recht anständig, zugegeben, aber die Vorurteile beseitigte es nicht. Und "China" war für ihn wohl eher ein vager Begriff, mit dem man rasch ein verschwommenes Lokalkolorit erzeugen konnte, um das Fernweh des bürgerlichen Publikums zu befriedigen.
Und ein wirksames Mittel, die eigene Wichtigkeit zu überhöhen.
Was ihm stets eine Herzensangelegenheit war. In seiner frühen Schaffensphase etwa genoss er laut seinen autobiographischen Schriften "vier Jahre der ungestörten Einsamkeit und konzentrierten Sammlung", umgeben von Büchern, die "ich für meine Studien brauchte". Klingt gut, oder? Die Realität dieser Episode war jedoch Karl Mays Zeit im Zuchthaus Waldheim. Vom 3. Mai 1870 bis zum 2. Mai 1874 war "Charley" nicht auf Reisen, sondern wegen Betrug, Fälschung und Diebstahl als "Häftling 402" hinter Gittern. Zigarren drehend. Und als Rückfalltäter ohne Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung.
Doch aus dem Knastologen wurde nach Entlassung auf wunderbare Weise ein Philologe - beginnend im Jahr 1875 trat er als "Dr. Karl May" auf. Nachfragen gab es wenig, und so hielt der akademische Titel durch gewohnheitsmäßige Verwendung Einzug in den Literaturkalender (1880) und das Melderegister (1888). Erst 1892 jedoch erkundigte sich May bei einem Titelhändler nach Promotionsmöglichkeiten ... jene dann ablehnend, weil mit Arbeit verbunden. Als aber 1897 der Doktortitel im Adressbuch plötzlich fehlte, machte sich May die Mühe, um "Korrektur" zu ersuchen. Worauf die Redaktion, wohl von allen guten Geistern verlassen, unverschämt einen Nachweis verlangte.
Nun wird es interessant: May behauptete erst einmal rotzfrech, die Universität im französischen Rouen habe ihm diesen Titel verliehen. Urkunde? Fehlanzeige, zumal man ihn in Rouen gar nicht kannte. Also verbaten die deutschen Behörden ihm das Führen des Titels. Was er allerdings bis 1904 schlicht ignorierte. Der Zusammenhang mit China kam dann aber in einem Statement Mays, das in die Richtung "Die Trauben sind mir viel zu sauer!" ging. Konnte er den Doktortitel schon nicht dokumentarisch untermauern, verwies er doch umgehend darauf, dass er eine wenigstens gleichwertige chinesische Würde trüge.
Bitte, was? Hier wird die Trennung zwischen Phantasie und Realität plötzlich durchlässig. Denn Karl May bezieht sich ja eindeutig auf den Titel des 進士 (Jìnshì, eben etwa "Doktor"), den er als "Charley" laut Beschreibung im "Kiang-lu" schon vor 1880 errungen haben will. Man fragt sich, ob er dies mittlerweile selbst glaubte, oder nur wieder eine seiner Betrügereien ablief. Ernst genommen hat ihn allerdings niemand, zumindest nicht bei den Behörden.
Doch nicht nur diese Episode zeigt Mays Koketterie mit seinen "chinesischen Erfahrungen". Bereits 1894 hatte er in einem Brief behauptet, vierzig Fremdsprachen zu beherrschen, darunter zehn Indianersprachen und sechs chinesische Dialekte. Wobei ihm in der (angeblichen) "Praxis" entgangen zu sein schien, dass er und seine Charaktere in Südchina Mandarin sprachen, ohne mit dem dort eigentlich verwendeten Kantonesisch der Bevölkerung in Konflikt zu geraten. Im Februar 1898 dann teilte er einem ausgewählten Publikum in Wien mit: "Dass Karl May Doctor der orientalischen Sprachen ist, wird kaum befremden. [Er wandte sich] dem Studium des Chinesischen zu und lenkte sodann seine Schritte nach dem Reiche der Mitte." Drei Lügen im Kombipack: May war nie "Doctor", May hatte nicht einmal Chinesisch studiert, und May war auch nie in China.
Bis dato ...
1899 sollte sich dies ändern, denn der jetzt 57 Jahre alte Schriftsteller Karl May brach zu seiner ersten (und einzigen) Orientreise auf. Nun wollte er endlich (und bequem) die Orte besuchen, an denen er als "Charley", "Kara Ben Nemsi" oder "Old Shatterhand" angeblich schon unter Entbehrungen wilde Abenteuer erlebt hatte. Ausgestattet mit einem Reisebudget, das (je nach Berechnung) mindestens zehn Jahresgehälter eines Beamten umfasste. Die Reiseroute schilderte er seinem Verleger grob so: "Nach Arabien zu Hadschi Halef, dann durch Persien und Indien nach China, Japan und Amerika zu meinen Apatschen."
Auch hier scheint die Trennung zwischen Phantasie und Realität keineswegs mehr gegeben. War May noch bei klarem Verstand? Hielt er seine Erfindungen wirklich für real? Oder war nur wieder der Gaukler am Werk?
Wie auch immer, aus dem grandiosen Reiseplan wurde nichts. Persien ließ May außen vor, und "Indien" wird mit drei Wochen im heutigen Sri Lanka abgehakt. Nach einem kurzen Zwischenstopp im heutigen Malaysia landet er dann auf Sumatra (heute Teil von Indonesien). Weiter nach Osten kam er dann nicht, laut seiner Witwe hinderte ihn ein (erster) Nervenzusammenbruch an der Weiterreise. Raum für Spekulationen ist reichlich gegeben. Vielleicht war Karl May von den Ländern, in denen "Charley" sich so wacker schlug, einfach sensorisch überlastet. Vielleicht setzte ihm das Klima widrig zu. Vielleicht musste er aber auch erkennen, dass seine Beschreibungen, und somit sein Selbstbild, wenig mit der Realität übereinstimmten. Hatte den Egomanen allein in der Fremde eine existentielle Krise eingeholt? Oder hatte er ein Damaskuserlebnis? Wie gesagt - Spekulationen.
Festzuhalten bleibt allerdings, dass Karl May niemals in seinem Leben das Reich der Mitte erreichte, allenfalls Kontakt mit chinesischen Auswanderern zwischen Colombo und Padang gehabt haben mag. Das aber immer im Schoss und Schutz der europäischen Kolonialmächte. Und als verhätschelter, weil gut zahlender Gast.
"Et in terra pax."
Mit dem Abbruch der Reise hatte er aber auch die damals aktuellen Unruhen in China vermieden - 1899 nämlich brach dort der "Boxeraufstand" los, nationalistische Kräfte riefen zum Kampf gegen die sich als Kolonialherren etablierenden Ausländer auf. Was die Kaiserinwitwe Cixi wiederum als gute Gelegenheit zur Konsolidierung ihrer Machtposition sah. Sie schlug sich auf die Seite der "Boxer", und erklärte de facto den Kriegszustand zwischen China und eigentlich allen europäischen Staaten sowie den USA und Japan. Die Imperien schlugen zurück, auch deutsche Truppen zogen an die chinesische Front. Für deutsche Touristen wahrlich keine idealen Bedingungen.
Doch wo Krieg ist, da kann man auch Gewinn machen. Das dachte sich der Redakteur Joseph Kürschner (1853-1902), brachte die Publikation "China" (heute in digitalisierter Form allgemein zugänglich) ins Rollen. Teil dieser hurra-patriotisch angelegten Sammlung von "Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg" sollte auch ein neuer Roman von Karl May sein. Den kannte Kürschner schon lange, man wurde sich rasch handelseinig. Die Redaktion gewann einen "Chinakenner", der Schriftsteller konnte seine Kasse wieder aufbessern.
Dann aber tat sich ein Abgrund auf. May trödelte herum, lieferte sein Epos fetzenweise, und keineswegs die erwartete Geschichte in der Tradition des "Kiang-lu" oder "Kong-kheou". Sondern eine "Reise-Erzählung von Karl May" mit dem eher untypischen Titel "Et in terra pax." Je mehr Beiträge May lieferte, desto suspekter wurde Kürschner die Sache. Das klang ja irgendwie alles viel zu pazifistisch. Oder, wie er sich später direkt und unverblümt an die Leser wandte: Der Text "hat einen etwas anderen Inhalt und Hintergrund erhalten, als ich geplant und erwartet hatte". Um den Schriftsteller wieder auf Spur zu bringen, verlangte der Redakteur entweder eine Neuorientierung der Handlungsstränge, oder aber den raschen Abschluss des Werkes. Was machte Karl May? Er warf die Sache und einen schnellen Schluss hin, wusch umgehend seine Hände vom Ruch des patriotischen Jubelwerkes rein: "Mit dieser Art von Gong habe ich nichts zu tun!"
Das Rumpfwerk jedoch wurde von Karl May allerdings im Anschluss bearbeitet und erweitert, so dass es schon 1904 mit dem jetzt deutschen Titel "Und Friede auf Erden!" in Buchform erscheinen konnte. Heute Band 30 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag, ohne Ausrufezeichen, dafür aber mit dem Werbetext: "Die liebevolle Einfühlung in die Gedankenwelt des Ostens spricht aus jeder Seite dieses Alterswerkes, das den Wunsch nach Frieden und Völkerverständigung zu seinem Hauptanliegen macht."
Der Inhalt des Buches ist erst einmal wieder klassischer Karl May: Der Ich-Erzähler reist über Kairo mit einem arabischen Diener nach Osten, macht Station in Colombo und dann auf der Malaiischen Halbinsel. Danach geht es weiter nach Sumatra, wo ein Mitreisender einen Wahnsinnsanfall erleidet. Das alles klingt nahe an Mays tatsächlicher Orientreise orientiert, samt Nervenzusammenbruch, den hier aber (natürlich) nicht der Held erleidet. Den Anschluss aber bildet ein vollkommen frei erfundener Teil, denn es geht weiter nach China. Auch so weit Karl May wie gehabt. Auf dem Weg entpuppen sich jedoch mehrere Mitreisende, sogar einige Chinesen, als Mitglied einer geheimen "Friedensgesellschaft", der Pu-Bruderschaft. Man lauscht den Märchen eines Chinesen ... und abrupt endet die "Et in terra pax."-Version. Erst in "Und Friede auf Erden!" geht es weiter, aus den Pu wurden mittlerweile in der Überarbeitung die Shen, und irgendwo im Golf von Bohai erreicht man ihr geheimes Hauptquartier. Einige Schmuggler werden besiegt, ihre Waffen und ihr Opium vernichtet, und alle Mitreisenden treten bei bester geistiger Gesundheit den Shen bei.
Während dieser Abenteuer gibt der Ich-Erzähler Plattitüden von sich, die in direktem Widerspruch zu den früher geäußerten Überzeugungen Karl Mays stehen, etwa: "Nur der, welcher den geistigen Boden nicht kennt, auf dem wir leben, kann von der Greisenhaftigkeit des gelben Mannes sprechen." Eine Wendung um hundertachtzig Grad.
Dennoch gelingt es May nicht, in diesem Werk wirklich mit Chinakenntnissen zu überzeugen. Die landes- und völkerkundlichen Ausflüge, die Mays Reiseerzählungen sonst prägen, sind auf ein Minimum reduziert. Seine Beschreibungen der Orte sind letztlich an den europäischen Kolonialstädten in Asien orientiert, die hatte er ja nun auch gesehen (wenn auch nie die Konzessionsgebiete in China). Seine Darstellung der mitreisenden Chinesen selber, hier zwar deutlich positiver, bleibt zweidimensional und blass. Und die Benennung der Geheimgesellschaft mit dem chinesischen (oder zumindest so klingenden) "Shen" erinnert zwar an 神 (Shén, etwa "Gottheit") ... die von ihm beschriebene Führungsclique ist allerdings durch und durch europäisch geprägt. Wobei May die diversen Transkriptionssysteme ohnehin bunt mischt, man kann sein "Shen" auch als 人 interpretieren. Also "Rén", ein etwa "Leute" oder "Volk" bedeutender Wortteil, kein eigenstehendes Wort. Der "Doctor der orientalischen Sprachen" kopierte einfach wieder, was er nicht verstand.
Doch als die Autorin Marie Elise Silling (1845-1936) anlässlich einer Rezension im "Dresdner Anzeiger" Zweifel am Sprachgenie des Schriftstellerkollegen äußerte, brannten bei May die Sicherungen durch. Wie so oft folgte ein langer, teils öffentlich ausgetragener Streit um das Kernthema: Wie man denn frech an seinen Worten zweifeln könne? Wobei Silling ihre generell berechtigte Anmerkung, das sei ehrlicherweise gesagt, ausgerechnet zu der China-Geschichte machte, in der May die wenigsten sprachlichen Fehler verbrach.
Doch ist "Et in terra pax." oder "Und Friede auf Erden" wirklich eine China-Erzählung?
Man hat insgesamt den Eindruck, dass China und die Chinesen nur ein willkommener, aber letztlich unwichtiger Hintergrund sind, vor dem der sich gerade als Friedensapostel neu erfindende Karl May seine Philosophie ausbreiten kann.
Oder, um es anders (und zugegeben brutal) zu sagen: Wäre nicht der konkrete Kürschner-Auftrag gewesen, das Geschehen (so es denn zwischen langen Gesprächen hervorkommt) hätte auch irgendwo anders auf der Welt spielen können. Stichwortgeber wären statt Chinesen dann eben Inder, Perser, Ägypter gewesen - irgendeines dieser gerne in europäischen Werken auftauchenden "alten Kulturvölker" vor exotischer Kulisse. Oder gar Winnetou und die von May heißgeliebten, ihm aber ebenfalls völlig unbekannten "Apatschen".
Karl May im Jianghu?
Und da komme ich dann zu dem Moment, in dem ich die selbst gewählte Überschrift mit einem Fragezeichen ergänze - kann man wirklich davon sprechen, dass der Autor aus Sachsen in seinen Büchern eine winzige Nische im Korpus der "chinesischen Abenteuerliteratur" für sich reservierte? Ich will es einmal mit Goethe sagen: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ..."
Es ist sicherlich Literatur, die sich mit in China (oder zumindest im ganz groben "chinesischen Raum") spielenden Abenteuern befasst. Dass sie von einem Deutschen verfasst wurde, der nie in China war, es sei schlicht hingenommen. Auch Edgar Rice Burroughs (1875-1950) war nie in Afrika, schuf aber 26 Romane mit dem Helden Tarzan. Der tatsächlich weitgereiste Henry Rider Haggard (1856-1925) beschrieb Tibet, ohne dort selbst gewesen zu sein. Und authentisch wirkende Ich-Erzähler setzte auch Jules Verne (1828-1905) in den phantastischsten Szenarien ein. Aber: Weder Burroughs, Haggard noch Verne behaupteten jemals, der wahre Held zu sein, oder die reine Realität zu berichten. Da war der notorische Hochstapler May schon von anderem Schrot und Korn.
Wo sich May allerdings auch von vielen europäischen und nordamerikanischen Abenteuer-Schriftstellern unterschied, das war die gewählte Präsentation. Er schrieb seine Geschichten oft mit dem Duktus des Oberlehrers, kramte sie voll mit aus anderen Büchern gewonnenen Informationen zu Land und Leuten, sparte auch an der eigenen Bewertung derselben nicht. Was sicherlich höchst problematisch ist, nicht nur aus aufgeklärt-postkolonialer Sicht, denn wie kann man ein Urteil über etwas und jemanden, ja über ganze Länder und Völker fällen, ohne jemals mit diesen in Berührung gekommen zu sein? Es ist schlicht das referierte Vorurteil. So spiegelt sich dann in Mays Werk die eurozentrische Haltung des Bildungsbürgers im Kolonialzeitalter wider, der zwar nie aus seinem bequemen Lesesessel herauskam, aber über Gott und die Welt richtete. Der Biedermeier als Weltenbewerter, sozusagen.
Und wie schon oben angemerkt - eigentlich waren China und die Chinesen Karl May nur gefällige Staffage, exotischer Hintergrund, das importierte Gewürz im sächsischen Eintopf. Ob nun gerade der Kiang-lu oder der Schut durch den Schluchtensturz zur Hölle fährt, die Handlungsorte und Kulturen bleiben immer austauschbar, meist eklatant zweidimensional. Antagonisten und Nebenfiguren haben stets am ehesten die Aufgabe, das Gute, Edle, Gottgesandte in den Protagonisten zu unterstreichen. Und oft genug "Charley", "Kara Ben Nemsi", "Old Shatterhand", also Karl May selbst eben, als deutsche Krone der Schöpfung zu glorifizieren. Der dann natürlich auch manchmal Verständnis für die Minderbemittelten und Einheimischen zeigt, aber immer aus der Distanz des Edel- und sogar Übermenschen heraus.
So ist Karl Mays chinesische Abenteuerliteratur weit mehr Kolonialliteratur als ein echtes Portrait. Selbst wenn der Autor verzweifelt einklagen mochte, dass es doch alles wahr sei, selbst erlebt, oder zumindest nach dem Leben gezeichnet.
Dennoch blitzen hier und da Parallelen zur chinesischen Literatur auf, egal welches Genre nun genau vorliegt. Das Ränkespiel zwischen den Mandarinen ist ein immer wiederkehrendes Motiv, ganze C-Dramen zehren über Dutzende von Folgen davon. Und wenn dann ein "Bettlerkönig" zum Verbündeten der Helden wird (wie im "Kong-Kheou" eben), dann sind wir schon nahe an den glücklichen Zufällen und Strukturen des Jianghu, die auch in Jin Yongs Werken so oft die Handlung in neue Bahnen lenken. Solche Episoden beschreibt allerdings auch Victor Hugo (1802-1885) etwa in seinem "Glöckner von Notre-Dame", Pierre Gringoire im "Wunderhof" kommt mir zumindest sofort in den Sinn. Und wir wissen, dass May sehr wohl Hugos Werke kannte.
Karl Mays "China", ebenso Karl Mays "Chinesen" jedoch, es sind letztlich erfundene Orte, fiktive Lückenfüller. Pittoreske Hintergründe für Allerweltsgeschichten, die auch in Brasilien, in Südafrika, auf Neuseeland spielen könnten. Oder eben bei den "Apatschen", wahlweise in den "Schluchten des Balkan". Demonstrativ eingebettet in angelesenes Halbwissen, mit dem der Möchtegern-"Doctor" und Pseudo-Mandarin seine Leser ex cathedra überflutet. Was, zugegeben, zu Mays Zeiten noch ganz gut klappte.
Lesbar oder vernachlässigbar?
Tja, das muss man nun ganz individuell entscheiden - für mich war der "Kong-Kheou" zumindest das einzige Buch von Karl May, das ich mehr als einmal las. Und es mag, zugegeben, genau wie C. C. Bergius (1910-1996) mit "Sand in Gottes Mühlen" und James Hilton (1900-1954) mit "Der verlorene Horizont" ein Faible für den Fernen Osten geweckt haben.
Hat man sich allerdings erst einmal in der chinesischen Literatur umgeschaut, auch das asiatische Kino genossen, dann kann zumindest Karl May nicht mehr mithalten. Seine altbackenen, immer wieder durchgekauten Handlungsstränge, seine Ich-Bezogenheit, seine wilhelminische Perspektive durch die Brille der sächsischen Provinz ergeben einfach kein glaubwürdiges Bild. Das ist alles so echt asiatisch wie Bami Goreng aus der holländischen Blechdose ... kann man sich mal gönnen, aber eben kein Vergleich zum Original.
Worunter Mays Werke vor allem leiden, das ist vor allem das Bemühen um den Nachweis der wahren Begebenheit.
Was chinesische Autoren generell vermeiden (können): Der Handlungsrahmen wird (wenn überhaupt notwendig) grob in einen zeitlichen Zusammenhang gestellt, dazu reichen wenige Worte, der Rest ist dann eine grobe Vorstellung vom "alten China". In der auch (sanfte) Anachronismen vorkommen dürfen, es ist ja alles nur Fiktion, Unterhaltung. In diesem Sinne geht es dann auf Abenteuer - etwa so, als begänne man ein deutsches Buch mit der Angabe "Es war zu Zeiten des Kaisers Barbarossa, kurz vor dem Kreuzzug ..." Schon kann der Leser die Sache einordnen, und denkt sich den Rest einfach vom lustigen Mittelaltermarkt beeinflusst dazu.
Karl May dagegen will den Leser in eine exotische Welt entführen, die er zudem als "seine Welt" verkauft, das versucht er dann mit einer Flut an Fakten und Behauptungen als Realität zu verkaufen. Er kann nicht auf einen gegebenen "Hintergrund" beim Leser vertrauen, er muss diesen selber schaffen. Was sicherlich in der Unterhaltungsliteratur nicht ungewöhnlich ist. May aber arbeitet in der selbst angelegten Zwangsjacke (technisch unmöglich, aber ein nettes Bild) des Wahns, nicht nur einen halbwegs realistischen Hintergrund schaffen zu wollen, sondern sich selbst damit auch als Experten zu beweisen. Und nimmt dann den ganz groben Holzhammer, um dies auch dem letzten Leser einzubläuen. Was ihn, kuriose Nebenwirkung, bei Recherche wieder schnell angreifbar macht.
Karl May fehlt einfach die Leichtigkeit des routinierten Romanciers, der seine Leser auf eine Gedankenreise entführt, in der die Realität weit weniger wichtig als die Fiktion wird. Zudem versucht er, durch eine immense Faktenanhäufung ein Bild des Fernen Ostens zu erstellen. Das er aber nicht durch bildhafte Beschreibungen erwecken kann, da ihm dazu das eigene Erleben dieser Welt fehlt. Seine akribisch gesammelten Fakten konnte er nie mit echtem Gefühl ergänzen.
Insofern tendiere ich dann doch zu "vernachlässigbar".
Postscriptum Curiosum
Und doch: Im Jahre 1934 schaffte es Karl May endlich nach China. Zumindest als schemenhafte Geistererscheinung, die seiner Witwe Klara May (geborene Beibler, verwitwete Plöhn, 1864-1944) auf einer Weltreise zumindest in Gedanken immer an der Seite blieb. Einen Reisebericht durfte sie in der sächsischen Nazi-Postille "Der Freiheitskampf" veröffentlichen, er ist als Digitalisat (mit etwas Sucharbeit in den vorliegenden Ausgaben) über die Sächsische Landesbibliothek zugänglich. Kein Lesegenuss, das vorweg, aber ein Kuriosum. Und der Titel allein sagt schon viel: "Unter dem Hakenkreuz um die Erde".
Klara schildert (in Ausgabe 188 vom 8. Juli 1934) bei einem Kurzaufenthalt in Peking die Prachtbauten der Konzessionsgebiete, daneben die "Hütten der Armut" für die Einheimischen, beklagt das scheinbare Unverständnis der (jungen) Chinesen für die eigene Geschichte, lamentiert das Ende des Kaiserreiches, mit dem nach ihrer Meinung China "alles verlor". Habe sich doch der "Himmelssohn" stellvertretend für das Volk abrackern müssen, am "Altar vor dem Himmelstempel" gebetet und das Volk "dadurch [...] vor jedem Ungemach" geschützt. Naiver Revisionismus einer Erzkonservativen. Direkt unter diesen Zeilen prangt dann eine Illustration:
In der Tat berichtet sie wenige Zeilen später vom Sommerpalast in Peking, das Foto allerdings zeigt den 天壇 (Tiāntán, Himmelstempel). Klara mag an diesem Tritt ins Fettnäpfchen unschuldig gewesen sein. Man darf vermuten, dass ein unbedarfter Bildredakteur hier falsch zugriff, vielleicht auch nur die Bildunterschrift vertauschte. Oder aber das Bild sogar vom Urheber schon fehlerhaft deklariert wurde - was selbst im heutigen Internetzeitalter und mit automatisch abgespeicherten GPS-Daten immer noch, immer wieder vorkommt.Die May-Witwe allerdings wollte sogar in das hinterlassene Werk zum Thema "China" eingreifen. Als glühende Nationalsozialistin war sie schon 1933 dem "Führer" persönlich vorgestellt worden, dem (laut ihren Worten) "Größten der uns jetzt lebenden Großen" (sic!) oder auch "ein Gottgesandter". Was in ihren Augen unausweichliches Schicksal sein musste, denn der längst verblichene Karl May war in ihrer Weltsicht schließlich "sein ganzes Leben wie ein Wegbereiter für diese Hitlerzeit".
1938 kam ihr dann die glorreiche Idee, das Werk dieses angeblichen Wegbereiters aktualisiert umschreiben zu lassen. Und zwar ausgerechnet den pazifistischen Wälzer "Und Friede auf Erden". Für Klara waren die wesentlichen Parameter ganz klar: Man solle "den Führer als idealen Friedensverkörperer berühren". Und auch das zum Ende des Buches aufleuchtende (christliche) Kreuz könne man leicht aktualisieren. Etwa so: "Umformen in eine Sonne, die durch die Zinnen gebildet wird zum Sonnenrad, in dem das Kreuz schimmert und sich zum Hakenkreuz formt."
Man muss es dem Verlagsleiter Euchar Albrecht Schmid (1884-1951) wohl ewig danken, dass er zumindest diese schon ästhetisch fragwürdige und literarisch vollkommen hanebüchene Idee der Witwe niemals in die Realität umsetzte.
PS: Karl-May-Experte Wolfgang Hermesmeier (unter anderem verantwortlich für die Webseite "Karl May in Berlin") machte mich auf eine Ungenauigkeit im Text aufmerksam (Zitat nach dem Doppelpunkt): Als Bibliograf tut mir natürlich der verkürzte Titel "Kong-kheou, das Ehrenwort" weh, denn über alle Fortsetzungsfolgen im "Guten Kameraden" hinweg lautet der Titel vollständig "口廾 oder Kong–kheou, das Ehrenwort".
PPS: Da Wolfgang auch den von mir gewählten Bildausschnitt bedauerte, er kannte die Komplettversion, hier noch einmal das gesamte Werk aus ChatGPT:
Titelillustration und "Komplettversion": So stellt sich ChatGPT den deutschen Schriftsteller Karl May im chinesischen Gewand vor ... insgesamt glaubwürdiger als die von May selbst in Auftrag gegebenen Kostümierungen. Übrigens lautet die chinesische Inschrift an der Säule (hier nur teilweise zu sehen) "Weltreisender".



Also ich fand den blauroten Methusalem herrlich, ich habe ihn mehrfach gelesen. Und das Hörbuch ist klasse.
AntwortenLöschenDas Buch ist wahnsinnig humorvoll - und ich fand die europäischen Protagonisten keinesfalls als Übermenschen - für mich waren sie dermaßen überzeichnet, das sie für mich wie eine Karikatur auf die europäische Überheblichkeit wirkten.
Mir kam es also so vor, als bekämen Europäer und Chinesen gleichermaßen ihr Fett weg.
Immerhin passiert ja auch den Europäern gerade durch ihre Überheblichkeit viel Mist.
Ich bleibe dabei: gute humorvolle Jugendliteratur, die man auch als Erwachsener noch lesen kann.
Am "Methusalem" scheiden sich wohl die Geister. Ich habe die "lustige Studentenfahrt nach China" als Teenie gelesen wie überhaupt alle Karl-May-Bücher, und mit keinem Buch habe ich mich so schwer getan wie mit diesem. Ich fand Turnersticks Umgang mit der chinesischen Sprache derart peinlich, dass ich's nicht lustig finden konnte. An dem Buch habe ich geradezu laboriert und es letztlich nur der Vollständigkeit halber zu Ende gelesen. Eigentlich war es eine Qual. Vielleicht auch deshalb, weil das korpsstudentische Kolorit der Hauptfigur und seines Begleiters mir fremder noch waren als das Reich der Mitte, von dem ich heute noch so gut wie nichts weiß. Und ich habe die Lektüre auch nie wiederholt. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass andere Menschen es tatsächlich witzig fanden. Eigenartiges Phänomen.
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