Von Majestäten, Mandarinen und Magistraten

Die Liste der alten chinesischen Ehrentitel ist lang und teilweise verwirrend, und nicht alle lassen sich in eine westliche Schablone pressen - das beginnt beim Adel, und endet bei den Beamten. In den Übersetzungen der Abenteuerliteratur oder der auf ihr basierenden Medien kommt es daher regelmäßig zu Problemen.
Die man eigentlich ignorieren kann, denn zwischen wörtlichen Übersetzungen und sinngemäßen Übertragungen kommt man nie auf eine Ideallösung.
Kaiser und Adel
Die Probleme beginnen schon beim Kaiser von China selbst ... denn sein Titel war in China selbst ja niemals Kaiser, dieser Begriff ist ein westliches Hilfskonstrukt (und geht auf den Familiennamen Julius Caesars zurück). Auch das im Englischen gebräuchliche "Emperor" (also "Imperator", etwa "Befehlshaber") trifft es nicht. Denn der Mann auf dem Thron nannte sich selbst 皇帝 (Huángdì, eigentlich etwa "verehrter Vorfahr"). Was der Erfinder des Titels, Qin Shi Huang (259-210 v. Chr. - der Kaiser mit der Terracotta-Armee) aber als "Heiliger Herrscher" oder "Göttlicher Fürst" neu interpretierte.
Diese Verbindung zwischen dem obersten Herrscher und einem vermeintlich göttlichen Mandat hatte übrigens Tradition: Schon in der vorhergehenden, lang anhaltenden Zhou-Dynastie war der Herrscher, damals eher einem westlichen "König" entsprechend, als 天子 (Tiānzǐ, "Sohn des Himmels") bekannt. Und doch, jagt man heute 皇帝 oder 天子 durch Übersetzungsprogramme, kommt immer nur ein Ergebnis: "Kaiser".
Und so zieht es sich dann die Rangfolge abwärts weiter durch, westliche Titel werden als Hilfskonstrukte eingesetzt, geben aber eher eine grobe Einordnung denn ein real existierendes System wieder. Wie soll man als Leser oder Zuschauer da durchblicken?
Für unsere Zwecke können wir den Adel schnell zusammenfassen und dann zu den Akten legen: Kaiser ganz oben, Könige global weniger wichtig (und später Vasallen des Kaisers), Prinzen irgendwo in der Warteschleife. Und der Rest eben "adlig", aber meist nicht wirklich von nationaler oder gar globaler Bedeutung. Wobei die Blutsverwandschaft zum Kaiserhaus, am besten zum Kaiser selbst, jeden anderen Titel ohnehin irrelevant machen kann. Je nach Dynastie waren Nepotismus und Vetternwirtschaft mehr oder minder die Regel. Wir merken uns, dass Adelstitel an sich gut sind, kaiserliches Blut aber immer besser ist. Zumindest, bis das Kaiserhaus wechselt.
Eine Verschwägerung mit dem Kaiserhaus war, nur am Rande, weitaus weniger wert - die chinesische Geschichte ist voll von Gestalten, die ins Kaiserhaus einheirateten, und dann doch kaltgestellt (oder gar kaltgemacht) wurden.
Die Bürokratie - eine Welt für sich
Aber unter dem Kaiser, da kommen dann die Minister, die Beamten, die Militärs, die Eunuchen und Mandarine. Bei deren Ernennung wird es kompliziert. Oder auch nicht, denn im Prinzip muss man nur die Grundzüge des 科舉 (Kējǔ, übersetzt "Kaiserliche Prüfung") verstehen. Da das aber ein Thema für sich ist, behandele ich die Details der chinesischen Examenshölle an anderer Stelle. Hier soll nur der Grundsatz reichen: Wer mit dem besten Ergebnis die höchste Prüfung ablegte, bekam in der Regel auch den besten Posten im öffentlichen Dienst.
Wobei die Bewertung der jeweiligen Posten natürlich vielen Faktoren unterworfen war - zum einen konnte man sagen, dass die Nähe (oder Ferne) zum Kaiser über die eigene Wichtigkeit im Gesamtgefüge entschied. Zum anderen lebte es sich oftmals umso unbeschwerter, je weiter man in die Provinz abwandern und dann wirklich an der Graswurzel ansetzen konnte. Und nicht zu vergessen: Ein mittlerer Posten in einer kaum im Blickpunkt stehenden Ecke des Reiches bot, wenn man es geschickt anstellte, die besten Möglichkeiten zur Mehrung des eigenen Besitztums. Und nur wer über ein außerordentliches Glück verfügt, wird auf einem Posten landen, der wirklich den eigenen Talenten und Neigungen entspricht.
Mandarin - ein irreführender Begriff
Meist ist bei der Beschreibung des chinesischen Bürokratie schnell der Begriff des "Mandarin" zur Hand. Der ein etwas unscharfes Bild eines Würdenträgers in Robe mit sich bringt, mit Einfluss und/oder Macht gesegnet. Aber eben irgendwie ein "hoher chinesischer Beamter".
Dabei gibt es einen solchen Begriff überhaupt nicht in China, er ist eher eine Art Treppenwitz der Weltgeschichte. Im Sanskrit gibt es das Wort मन्त्री (Mantri oder Mantrin), das in etwa mit "Verwalter", aber auch "Berater" oder sogar "Minister" übersetzt werden kann. In Süd- und Südostasien ein gängiger Begriff für Beamte oder andere Würdenträger. Im Malaiischen als "Mantari" bekannt. Und dort dann von den Portugiesen aufgeschnappt, die auf dem Seeweg nach China Station machten. Den Begriff dabei dann auf den gesamten chinesischen Beamtenapparat übertragend ... obwohl ihn in China kein Mensch kannte. Die Lautverwandtschaft mit dem portugiesischen "mandar", wörtlich "befehlen", mag dabei eine erhebliche Rolle gespielt haben.
Mit den portugiesischen Seefahrern (zuerst als "Mandarim", nach einiger Zeit dann "Mandarin"), teils auch über die niederländische Konkurrenz (hier als "Mandarijn" oder auch "Mandorijn"), schipperte der Begriff dann nach Europa. Und ist bis heute noch gebräuchlich.
Wie hießen die "Mandarine" wirklich?
Ein chinesischer Beamter wird erstmal nur verdutzt aus der Wäsche geschaut haben, wenn man ihn als "Mandarin" bezeichnete - er war einen anderen Titel gewohnt. Abgesehen von seinem persönlichen Rang wurde jeder Beamte pauschal mit nur einem von zwei Titeln abgeredet:
- 官 - Guān, wörtlich "Offizieller", oder
- 老爺 - Lǎoye, wörtlich am ehesten "alter Mann", aber am ehesten mit "sehr geehrter Herr" gleichzusetzen.
Der Unterschied? Ein Laoye diente am Kaiserhof direkt. Ihn als Guan anzureden war zwar technisch nicht wirklich ein Fehler, aber ein ungeheurer sozialer Fauxpas.
Und nur kurz angemerkt: Viele Laoye waren in der Tat Eunuchen, die Entmannung hatte aber mit dem Beamtenstatus an sich absolut keinen Zusammenhang. Sie konnte jedoch für eine Karriere am Kaiserhof unerlässlich sein.
Das chinesische Rangsystem
Die Verwaltungsstruktur des Riesenreiches China änderte sich immer wieder, so dass eine allgemein gültige Aussage hier nicht erwartet werden kann. Ich nehme jetzt einfach einmal die Rangordnung der "Mandarine" aus der Qing-Dynastie als Beispiel:
- Beamte wurden in neun Ränge unterteilt, der 1. Rang war der höchste;
- innerhalb dieser neun Ränge gab es wiederum zwei Abstufungen, so dass effektiv achtzehn Rangstufen entstanden - vom 1. Rang (Hohe Stufe) bis hinunter zum 9. Rang (Niedrige Stufe);
- alle achtzehn Rangstufen gab es sowohl in der zivilen wie in der militärischen Verwaltung, mit unterschiedlichen Aufgabengebieten und Titeln.
So konnte ein Beamter des 1. Rangs (Hohe Stufe) im Zivilbereich ein Minister ("Grosser Sekretär") oder ein persönlicher Diener des Kaisers sein, im Militärbereich dagegen ein Feldmarschall oder (hier wird es wieder persönlich) der Kommandant der Kaisergarde.
Weniger exaltiert waren dagegen die Angehörigen des 9. Rangs (Niedrige Stufe). Als Zivilisten waren sie Steuereintreiber, Steuerfahnder, Polizisten (im Justizdienst) oder Gefängniswärter, denen jeweils nur noch Handlanger ohne Beamtenstatus unterstanden. Und beim Militär eben gemeine Berufssoldaten oder Gefreite.
Praktisch für moderne Leser und Zuschauer, nicht nur im "Westen": Taucht ein Beamter auf, und wird sein Rang wichtig, übernimmt er selber (oder einer seiner Handlanger) die Erklärung. So ist es dann etwa im Genre Gong'An durchaus üblich, dass die Fraktion des Angeklagten lospoltert: "Ein Magistrat des 4. Ranges will also einem Zensor 3. Ranges unterstellen, dass ..." - und sofort weiß man, was Sache ist.
Bliebt nur die Frage, was ein Magistrat eigentlich ist ... und das wollen wir noch zu schnell klären versuchen.
Der Magistrat - auch so ein Hilfsbegriff
... aber ein guter! Im Prinzip steht er für den im Deutschen so liebevoll "Oberster Verwaltungsbeamter" genannten Landrat oder Oberbürgermeister, dem die zivile Verwaltung eines bestimmten Bereiches (also Landkreis oder Stadt) obliegt. Allerdings hatte ein chinesische Magistrat wesentlich mehr Aufgaben, die kurioserweise niemals so ganz klar festgelegt schienen. Man erwartete eigentlich nur generell von ihm, gewissermaßen als unterste Instanz der kaiserlichen Machtmaschine, vor Ort für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Konkrete Aufgabenbereiche waren dabei:
- Steuern, Tribute und Frondienst eintreiben;
- Gerichtsbarkeit im Zivil- und Strafrecht, hierbei war der Magistrat sowohl Ermittler wie Richter;
- Planung von und Aufsicht über Baumaßnahmen im öffentlichen Interesse;
- Planung von und Aufsicht über Maßnahmen der öffentlichen Fürsorge;
- Aufsicht über das Bildungswesen;
- Aufsicht über die "öffentliche Moral" und die Einhaltung der konfuzianischen Prinzipien;
- Aufbau und Unterhalt des örtlichen Verwaltungsapparats.
Diese enorme Bandbreite der Verantwortung spiegelt sich auch im Spitznamen wieder, der dem Magistrat verliehen wurde (und heute noch oft auf ländliche Verwaltungschefs in China angewendet wird) - er war der 父母官 (Fùmǔ guān, wörtlich der "Vater-Mutter-Beamte"). Und sie erklärt auch, warum man heute manchem Magistrat gleich mehrere Titel verleiht: Di Renjie etwa wird mal als "Detektiv Di", mal als "Richter Di" bezeichnet.
Das grösste Problem für jeden Magistrat jedoch war der letzte Punkt seiner Aufgabenliste. Konnte er für alles andere einen Anteil der Steuern einbehalten, musste er seine Mitarbeiter aus eigener Tasche bezahlen. Zu diesem Zweck durfte er Verwaltungsgebühren und lokale Steuern erheben. Oder konnte ein Auge zudrücken, wenn sich seine Mitarbeiter ihre Dienstleistungen von den Bürgern direkt vergüten ließen - etwa als Bearbeitungsgebühr, die ein Verhafteter zu zahlen hatte.
Von heilen Familien und Rabeneltern
Bleibt noch abschließend zu bemerken, dass das chinesische System der umfassenden Verwaltung durch einzelne Magistrate generell unter der Bewertung "Läuft so ..." eingeordnet werden kann, es manchmal durchaus vorbildliche Exemplare von Beamten hervorbrachte (neben dem schon genannten Di Renjie auch etwa Bao Zheng), und ab und an auch total versagte.
Wir kennen den bösen Sheriff von Nottingham ... und genau solche Erzschurken gab es auch unter den Magistraten Chinas. Das ist mit ein Resultat der Examenshölle, denn die Posten wurden nie nach Talent, sondern nach Noten vergeben. Und wenn es keine Beschwerden aus dem jeweiligen Verwaltungsbezirk gab, auch die Abrechnungen stimmten, dann schien ja alles zu laufen. Nur konnte das eben auch bedeuten, dass der Bezirk vom Magistrat und seinen Helfershelfern unter der Knute gehalten, der Nachrichtenfluss streng reguliert wurde. Und sich die Beamten mit willkürlichen Lokalsteuern und einer ungezügelten Korruption die eigenen Taschen füllten. So wie manche Eltern ihre Aufgaben nicht einmal ansatzweise erfüllen, kann auch der "Vater-Mutter-Beamte" das Leben zur Hölle machen. Und in den Augen der Welt ein honoriger Mann bleiben.
Und da treten dann oft die Helden des Jianghu in Erscheinung, sie sind eben der Gegenpol zur Knechtschaft durch den Magistrat, der edle Robin Hood im Kampf gegen den finsteren Sheriff.
Der Sonderfall der Eunuchen
Ganz kommen wir jetzt nicht an ihnen vorbei - die chinesischen Eunuchen gehören nun einmal in dieses Ränkespiel hinein. An dieser Stelle kann ich ihre Rolle kurz so beschreiben: Wer Bediensteter am Kaiserhof mit Zugang zu den Privatbereichen werden wollte, musst als Mann entmannt sein. Diese drastische Operation öffnete aber nicht nur den Weg in den Palast, sondern konnte auch der Beginn einer Karriere sein.
Eunuchen machten zwar auch die Drecksarbeit (statistisch gesehen die meiste von ihnen), konnten aber mit Diplomatie und Geschick auch bis an die Seite des Kaisers und unter Umgehung von Examen so auch an hohe Posten kommen. Als Diener, aber auch Vertraute, und mit der Chance auf einen offiziellen Posten. Bekanntestes Beispiel dürfte Zheng He (鄭和, 1371-1433 oder 1435) sein - Kriegsgefangener, zwangsweise zum Eunuchen gemacht, Palastdiener ... und schließlich Admiral der beeindruckendsten Flotte der Zeit.
Illustration: Theaterschauspieler im Kostüm eines Würdenträgers der Tang-Dynastie, aufgenommen bei einer Vorstellung in Xi'an.
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