Chinas Examenshölle
Wer früher in China als Beamter etwas werden wollte, musste sich dem 科舉 (Kējǔ, übersetzt "Kaiserliche Prüfung") unterziehen. Denn nur aus den erfolgreichen Kandidaten wurden Mitarbeiter für den öffentlichen Dienst rekrutiert. Was an sich ein positiver Schritt war, denn vor Einführung dieses Examenssystems wurden die Posten schlicht dem Adel und anderen Mächtigen zugeschanzt. In der Sui-Dynastie war damit Schluss, einen Posten gab es nur für gebildete und geprüfte Leute. Und je besser das Ergebnis, desto besser die Karrierechancen. So wurde dann das absolutistisch regierte Kaiserreich China ab 606 zu einer reinen Meritokratie.
Und da die Prüfungen den wichtigsten, für viele auch den einzigen Weg zu sozialem Aufstieg und einer gesicherten Existenz darstellten, wurde Keju zum zentralen Lern- und Lebensziel der Bildungsbürger. Was allerdings viel Lernen, viel Zeit, und letztlich auch viel Geld beanspruchte.
Qualifikationsrunden
Man begann mit einem Qualifikationsexamen, was in etwa dem Abitur entspricht. Doch nicht sofort ... erst mussten die Kandidaten ein Bezirksexamen bestehen, dann ein Präfekturexamen, dann durfte man das Qualifikationsexamen angehen. Das aber berechtigte noch nicht für einen Posten, mit dem Qualifikationsexamen in der Tasche konnte man aber auf eine Hochschule. Und sich für die nächste Prüfung anmelden.
Der Weg zum Erfolg war dabei statistisch eher unwahrscheinlich - das Bezirksexamen bestanden meist weniger als zehn Prozent der Kandidaten, die Hälfte davon versiebte das Präfekturexamen, und davon wieder die Hälfte rasselte durch das Qualifikationsexamen. Grob gesprochen standen also neben jedem erfolgreichen Absolventen rund vierzig Versager. Eine Erfolgsaussicht von 2,5%, überhaupt das "Abi" zu schaffen. Nur zum Vergleich: In Deutschland machen etwa 38% aller Schüler Abitur oder zumindest Fachabitur.
Es folgte ein Studium, an einer Hochschule, oder auch in Eigenarbeit ... und dann begann man wieder mit Prüfungen.
Endrunden
Die niedrigste Stufe war das Provinzexamen, das in der Regel alle drei Jahre angeboten wurde. In drei Sitzungen, an drei Tagen, wurden die Kandidaten in winzigen Räumen voneinander getrennt, und bearbeiteten so streng bewacht die Prüfungsaufgaben. Der Druck dabei war immens: Jede Provinz hatte ein vorgegebenes Kontingent von bestandenen Prüfungen, eine Art Numerus Clausus in Extremo. Nur die Besten kamen durch, selbst in Jahren ohne großen Andrang lag die statistische Erfolgsquote bei unter einem Prozent! Der Lohn der Mühe war dann der Titel eines 舉人 (Jǔrén, etwa "Magister"). Der zur Teilnahme am Hauptstadtexamen berechtigte, oder schon einen niedrigen Beamtenposten in der Provinz sichern konnte.
Das Hauptstadtexamen fand dann, wie der Name andeutet, alle drei Jahre und jeweils ein Jahr nach den Provinzexamen in der Hauptstadt statt. In Peking gab es dafür einen eigenen Examenskomplex, die dreitägige Prüfung unterschied sich ansonsten kaum von den provinziellen Sitzungen. Bis auf in einem wichtigen Punkt: Es gab keine feste Quote! In jedem Examensjahrgang wurde die Anzahl der benötigten neuen Beamten errechnet, dann diese Posten nach den Endnoten sortiert verteilt. Und Kandidaten, die Ausdauer bewiesen hatten (also das Hauptstadtexamen nicht zum ersten Mal angingen), bekamen in der Benotung einen kleinen Bonus. Nach bestandener Prüfung ging man dann mit dem Titel eines 進士 (Jìnshì, etwa "Doktor") ins weitere Leben. Und bis zu den Reformen des Taizu-Kaisers (太祖, 927-976, Begründer der Song-Dynastie) war hier auch Schluss, die Verbeamtung beendete den Aufenthalt in der Examenshölle. Nachdem man anhand einiger praktischer Prüfungen die genaue Eignung der Kandidaten noch einmal grob sortiert hatte - diese Phase wurde durch das Personalministerium durchgeführt, traditionell adlig dominiert, und so zu einem letzten Stolperstein für bürgerliche Kandidaten mit mindestens gleichen Noten.
Seit der Song-Dynastie allerdings war das Hauptstadtexamen nur noch die Zwischenstufe, die zum Palastexamen qualifizierte. Der Kaiser selber wollte künftig die wichtigsten Beamten ernennen, den Adel als Zwischeninstanz kaltstellen. Die Prüfungen fanden also im Kaiserpalast selber statt, in der "Verbotenen Stadt" diente die Halle der Höchsten Harmonie als Examensort. Eine vom Kaiser persönlich eingesetzte Kommission beurteilte die schriftlichen Leistungen der Kandidaten. Legte dann ihr Urteil dem Kaiser vor. Und der konnte es noch nach Gusto abändern. Wie auch immer - erfolgreiche Absolventen waren jetzt immer noch 進士 ("Doktor") ... aber nicht nur durch Talent, sondern auch von Kaisers direkten Gnaden.
Bestleistung lohnt sich
Übrigens: Der Beste von allen aus der Examenshölle erfolgreich entkommenen Kandidaten war immer als 狀元 (Zhuàngyuán, etwa "Examensbester") bekannt, der bis zum nächsten Examen als Vorbild gefeiert und bewirtet wurde. Und dem eine glanzvolle Karriere winkte. Insgesamt gab es 596 Kandidaten, die diesen Status erreichten - wobei Fu Shanxiang (傅善祥, 1833-1864) die einzige Frau unter ihnen war. Die allerdings im Rebellenstaat des (christlichen) Himmlischen Königreichs Taiping (1851-1864) die Abschlussprüfung absolvierte ...
Warum "Examenshölle"?
Das sollte jetzt eigentlich klar sein, oder? Aber, um es noch einmal klar zu sagen: Ohne mindestens eine der Endrunden erfolgreich hinter sich gebracht zu haben, konnte eigentlich niemand in der chinesischen Verwaltung Karriere machen. Man musste, sozusagen, durch die Hölle gehen.
Und die Gefahr des Strauchelns ergab sich bei jeder Prüfung. Dazu wurde, wie oben schon gesagt, kräftig gesiebt. Das Palastexamen zu bestehen war, statistisch gesehen, für den hoffnungsvollen Nachwuchs so gut wie unmöglich. Dennoch träumte das gesamte Bildungsbürgertum davon, dass der Sohn einmal ganz oben in der Liste der Akademiker stehen möge. Und sparte sich so dessen Bildung oftmals vom Munde ab. Wenn es denn klappen sollte, war die Familie versorgt - die sogenannte "eiserne Reisschüssel" winkte, ein erklecklich dotierter Posten auf Lebenszeit.
Logisch, dass Aufgeben, also Studienabbruch, bei solchen Voraussetzungen kaum eine Option war. Man würde sich nicht nur das eigene Versagen eingestehen müssen. Sondern sich auch respektlos, lieblos und pflichtvergessen den Eltern gegenüber verhalten - was in der konfuzianisch geprägten Gesellschaft ein absolutes Tabu war. Zudem ... was sollte man denn machen, wenn man außer den Examensthemen kein echtes Wissen oder Talent mitbrachte?
Immerhin bot China hier einen Ausweg: Wer wollte (und je nach Stufe qualifiziert war), konnte beliebig oft an den Prüfungen teilnehmen. Ein schwacher Trost vielleicht, aber immerhin ein Hoffnungsschimmer.
Gleichzeitig jedoch tat sich hiermit in der Praxis ein weiterer Abgrund der Examenshölle auf. Erfolglose Kandidaten sahen sich geradezu verpflichtet, ihre Leistung in der nächsten Runde zu verbessern, um die elterlichen (und eigenen) Erwartungen doch noch zu erfüllen. Also nochmal studieren bis zum nächsten Termin.
So gab es dann irgendwann eine ganze Klasse von "Examenskandidaten", die zwar hochgebildet, aber wohl nicht wirklich talentiert, zumindest in der Prüfung nicht erfolgreich waren. Und sich meist Nebenjobs suchen mussten. Etwa als Hauslehrer, als Schreiber, als Sekretär, irgendwas halbwegs Intellektuelles in der Privatwirtschaft. Und mit jedem vergeigten Examen wurde der Nebenjob mehr zur Lebensaufgabe. Einen Ausstieg wagten solche ewigen Studenten meist erst, wenn beide Eltern tot und angemessen betrauert waren.
Es sei denn, sie rutschten irgendwann in ein Sonderexamen hinein ...
Sonderexamen und außerordentliche Ernennungen
Es gab durchaus Bildungsbürger, die eine Teilnahme an den kaiserlichen Prüfungen oder eine Beamtenkarriere schlicht ablehnten. Manche waren eher spirituell veranlagt, oder sie waren einfach mit der Gesamtsituation unzufrieden. Anderen fehlte in der Jugend Geld und Gelegenheit, sich die erforderliche Grundbildung anzueignen. Was aber nicht hieß, dass diese Leute per se für eine Berufung in öffentliche Ämter ungeeignet waren.
Das erkannten viele Kaiser, und boten daher Sonderexamen an. Gewissermaßen das Hintertürchen zur Beamtenlaufbahn. In der Tang- oder Song-Dynastie etwa wurden diese speziell für zurückgezogen lebende Intellektuelle angeboten, zu Beginn der Qing-Dynastie auch für bislang noch der Ming-Dynastie treue Gelehrte. Die Kandidaten konnten ein wesentlich unkomplizierteres Examensregime in Anspruch nehmen, zogen gewissermaßen ohne weitere Probleme in eine Variante des Palastexamens ein.
Nicht unbedingt ein Rezept für ein glückliches Leben - wer per Sonderexamen verbeamtet wurde, hatte selten die Sympathie der jahrelang durch die Examenshölle gegangenen Kollegen. Man blieb immer ein wenig Außenseiter, wurde teilweise sogar als Günstling angesehen.
Definitiv Günstlinge waren dann jene Menschen, die vom Kaiser einen Beamtenrang verliehen bekamen, ohne jemals irgendeine Prüfung abgelegt zu haben. Was auch Ausländern widerfahren konnte. Der deutsche Jesuit Johann Adam Schall von Bell (1592-1666) wurde vom Shunzi-Kaiser (1638-1661) im Jahr 1658 zum Beamten 1. Ranges und Hoher Stufe ernannt, mehr ging nicht. Und auch der erfolgreiche amerikanische Söldner Frederick Townsend Ward (1831-1862) wurde im immerhin 3. Rang verbeamtet (was einem Brigadegeneral entsprach).
Ach ja, die Lern- und Prüfungsinhalte
Nach all diesen Worten muss man sich natürlich fragen, was der ambitionierte Chinese eigentlich an Wissen mit sich bringen musste, um Beamter zu werden. Und spätestens in diesem Moment entpuppt sich ein Grundproblem. Denn die chinesische Meritokratie wurde auf einem soliden, aber doch eher ungeeigneten Fundament errichtet.
Grundlage war schlicht die Lehre des Konfuzius. An sich nicht verkehrt, aber ein wenig einseitig, und meist recht theoretisch. Der Schüler lernte die grundlegenden Schriften schlicht auswendig (in der Song-Dynastie hatte dieser Korpus einen Umfang von fast einer halben Million Schriftzeichen), irgendein Thema aus den Schriften wurde zur Aufgabe gemacht, und das musste dann in einem Essay anhand der Schriften erörtert werden. Um die Prüfungen nicht allzu einseitig zu gestalten, mussten die Kandidaten allerdings auch Gedichte verfassen, Thema und Versmaß wurden dabei vorgegeben. Zeitweise gab es auch Malwettbewerbe. Immerhin musste niemand seinen Namen tanzen. Knifflig wurde es erst in den höheren Examensklassen, denn hier wurden schon mal Aufsätze zu politischen Themen oder geschichtlichen Ereignissen gefordert. Immer aus konfuzianischer Sicht verfasst. Und vor allem dazu dienend, die Linientreue der Kandidaten abzuklopfen.
Dass ein solches Examen Probleme mit sich brachte, da am Ende der Kandidat mit dem schönsten Reim und dem besten Gedächtnis eine eher Fachwissen erfordernde Stellung bekam, das wurde schon früh bemängelt. Detaillierte Kenntnisse der konfuzianischen Klassiker und stilistische Kunstgriffe waren nicht lebensnah. Und spülten dann auch etwa mathematische Nullen ins Finanzministerium.
Andererseits ... wenn man sich anschaut, wie es mit der Ressort-spezifischen, fachlichen Qualifikation von Spitzenbeamten oder gar Ministern heute so aussieht ... so manche hätten sich wahrscheinlich genauso gut mit Konfuzius und Gedichten hochdienen können.
Illustration: Halle der Höchsten Harmonie in der "Verbotenen Stadt", dem Kaiserpalast von Peking - Ort der wirklich letzten Examensprüfung.

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