Das Jianghu - eine Welt für sich

Häuser am Berg - Shitao - ca. 1700

Was eigentlich ist das Jianghu? Stellt man diese zentrale Frage in China ... erntet man erst einmal verwirrte Blicke. Das muss man doch nicht erklären? Oder doch? 

Denn genau diese Frage wird sogar zu Beginn der klassischen, chinesischen TV-Serie „Nebengeschichten aus dem Wulin” (武林外传, engl. „My Own Swordsman“) gestellt. Und da wird sie von der Heldin Guo Furong wie folgt beantwortet: „Das Jianghu …”, bedeutungsvolle Pause, während der sie ihren Blick zum dunklen Horizont lenkt, „… ist das Jianghu!“ Und ihre Gesprächspartnerin ist mit der Antwort zufrieden, nickt verständnisvoll. 

So, wie man einem Deutschen älteren Jahrgangs nicht erklären muss, warum im Spessart Wirtshäuser mit Vorsicht zu genießen sind. So,wie auch jeder Mensch in der westlichen Welt weiß, dass man nicht mit prallem Geldbeutel durch den Sherwood Forest spaziert. Und das im Wilden Westen der Colt locker sitzt. Jianghu, das ist nun mal ein feststehender Begriff für ein ganzes Konzept.

Jianghu – eine Idee, historisch gewachsen

Rein sprachwissenschaftlich geht der Begriff Jianghu (江湖) auf die Kombination der Worte für Fluss (江) und See (湖) zurück. Ganz allgemein, auch wenn sich das kann sich eventuell ursprünglich einmal auf den Jangtsekiang und den Dongting-See bezogen haben mag. Aber selbst diese geographische Zuordnung ist nur eine von mehreren Vermutungen.

Erstmals belegt ist der Begriff Jianghu wohl in den Werken des Zhuangzi (4. Jahrhundert v.Chr.). Hier wurde er für ein nicht in der Politik oder in den Kreisen der Macht involviertes Leben verwendet - vor allem von gebildeten Menschen, die sich in eine Art innere Emigration zurückzogen. Abseits vom politischen Geschehen, also nicht in der Stadt, sondern eben weit draußen, an Flüssen und Seen, in der tiefsten Provinz. Auch Sima Qian (ca. 145-90 v.Chr.) gebrauchte den Begriff auf diese Art: Bei ihm gibt Fan Li seine offiziellen Ämter auf, besteigt ein kleines Boot, „und treibt mit dem Strom in das Jianghu“. Und im Werk des Dichters Fan Zhongyan (989-1052) steht Jianghu dann schon als fester Gegenbegriff zum höfischen und religiösen Leben, ohne jeden regionalen Bezug, rein als Idee.

Heute sind diese historischen Bedeutungen, auch die eventuelle geographische Einordnung, nahezu irrelevant.

Stattdessen beschreibt der Begriff Jianghu mittlerweile ganz allgemein eine ländliche Gegend, der etwas archaisches anhaftet (oder auch mal vorstädtische Bereiche), selten sogar einzelne Stadtviertel). In der es noch Wildnis gibt, oder zumindest nicht vollkommen modernisierte Bereiche. Und in der die gesellschaftlichen Regeln wie auch die Gesetze nicht immer zu 100% befolgt werden.

Die Hauptstadt, und damit auch die Regierung, ist weit entfernt. Wenn nicht geographisch, dann doch zumindest verwaltungstechnisch, oder auch in den sozialen Strukturen. Denn beherrscht und kontrolliert werden die Gebiete des Jianghu allenfalls durch örtliche Größen. Der Beamtenapparat und staatliche Behörden sind dagegen nur in den Kernbereichen von großen Städten effektiv präsent. Im Yamen der Distriktshauptstadt sitzt zwar die staatliche Macht, aber der Distrikt erstreckt sich eben noch hundert Kilometer oder mehr in jede Richtung.

Und vor allem in den dünn besiedelten Bereichen zwischen den Städten und Ballungsräumen gibt es Freiräume. Die man meist ungestört für seine eigenen Zwecke nutzen kann. Ein Paradies für Aussteiger, Verstoßene, Gesetzlose, aber auch Philosophen und Helden. Eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, in der wirklich Alles im Fluss ist.

So bezeichnet dann der moderne Begriff Jianghu eigentlich nur das Umfeld der chinesischen Abenteuerliteratur im weitesten Sinne. Hier spielen die den Genres Wuxia, Xianxia oder auch Gong'an zuzurechnenden Geschichten.

Und nicht nur in einem historischen Zusammenhang. Selbst in der modernen Gesellschaft gibt es nach wie vor das Jianghu in vielerlei Form. In China genauso wie in Korea als Gangho (강호) or Murim (무림), selbst in Japan als die Welt des Gōko (芸道). Wobei gerade der japanische Begriff sich mehr auf die handelnden Personen bezieht, die außerhalb der „normalen“ Gesellschaft stehenden, meist nicht sesshaften Randgestalten.

Jianghu – ein Handlungsort

So ist das Jianghu also im Prinzip eine Parallelwelt, die aber weitgehend in Koexistenz mit der realen Welt besteht.

Wobei die Grenzen verschwimmen können, denn historische Figuren dürfen durchaus auftreten. Nicht immer chronologisch vollkommen korrekt, und mit Abweichungen vom Konsens der Historiker. Es gibt Parallelen in der westlichen Literatur: Richard Löwenherz durfte im Sherwood Forest die Freiheit genießen (Walter Scott, „Ivanhoe“), und Robin Hood auf König Artus treffen (T.H.White, „Der König auf Camelot“).

Mit der klassischen Artusepik und dem Ritterroman hat das Jianghu tatsächlich noch eine weitere wichtige Gemeinsamkeit: Hier gibt es eine realistische, wenn auch ins phantastische tendierende Welt, in der Youxia unter denselben Bedingungen wie die fahrenden Ritter agieren. Ausgezogen, die Welt zu verbessern, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu fördern. Und vielleicht sogar den „Heiligen Gral“ zu finden.

Bei diesen Abenteuern darf der Autor, und somit auch der Held, natürlich auch alle Register ziehen. Denn die herkömmlichen gesellschaftlichen und rechtlichen Schranken sind (zumindest teilweise) außer Kraft gesetzt, oder werden eben von der eigenen Weltsicht des Jianghu ergänzt, wenn nicht sogar ersetzt. Vigilantentum etwa ist in der Welt des Jianghu tatsächlich die Normalität, während es im realen China nahezu gleichbedeutend mit Rebellion und Hochverrat rangierte.

Richtig mit Leben gefüllt wurde diese Welt zuerst im ausufernden Abenteuerroman „Die Räuber vom Liang-Schan-Moor“ (水滸傳, wörtlich „Die Geschichte vom Rand des Wassers“), entstanden oder zumindest zuerst niedergeschrieben im 14. Jahrhundert. Hier werden edle Helden vorgestellt, die freiwillig oder unfreiwillig außerhalb des Gesetzes stehen, aber für eine allgemeine, nie konkret definierte Gerechtigkeit einstehen.

Sie sind die 绿林好汉 (Lùlín hǎohàn, oder auch „edle Männer des grünen Waldes“). Sie regeln die Dinge auf ihre Art, aber generell zum Guten für die „kleinen Leute“. Sie handeln prinzipiell edel, jedoch manchmal auch mit einer Portion deftigen Humors. Wer sich jetzt nicht wieder an Robin Hood erinnert fühlt … derselbe Begriff wird in der Tat bei chinesischen Texten über Robin Hood für den Haupthelden verwendet.

Dabei gibt es niemals nur ein genau definiertes Jianghu. Es existieren vielmehr hunderte, vielleicht tausende Varianten dieser Parallelwelten, mal näher an der Realität, mal vollkommen phantastisch. Keine historische Periode, keine geographische Einschränkung nagelt schließlich den Begriff unnötig fest. Schriftsteller und Filmschaffende entwerfen immer wieder neu ihr eigenes Jianghu, passen es ihren Erfordernissen an, manchmal mit jedem Film oder Buch wechselnd, manchmal verschiedene Werke umfassend als epische Schöpfung.

Doch bei aller Wandelbarkeit – grundsätzlich bleibt das Jianghu die romantisch-reizvolle, wenn auch mit Gefahren verbundene Alternative zum normalen, streng regulierten Leben in China.

Jianghu – eine Parallelgesellschaft

Prinzipiell stellt die personelle Besetzung des Jianghu einen Spiegel der real existierenden Gesellschaft dar. Nur wird eben der Schwerpunkt nicht auf das Establishment gelegt, sondern auf die „kleinen Leute“. Dabei sind die Darstellungen der Bauern, Händler und Handwerker noch weitgehend konservativ. Sie schlagen sich durch, zahlen (meistens) ihre Steuern, und hoffen, dass ein gütiger Herrscher alles zum Besten richtet.

Doch in den Heldenrollen finden sich jetzt plötzlich heimatlose Abenteurer, Vagabunden und Bettler. Banditen sind hier nicht immer unbedingt verdammenswerte Übeltäter. Gesellschaftsdamen (ein Begriff, der von musikalisch talentierten Unterhalterinnen bis zu Prostituierten reicht), Schauspieler, Musiker und die Angehörigen „niederer Berufe“ begegnen den Protagonisten auf Augenhöhe. Und zwischen ihnen agieren manchmal Gestalten, von denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie noch menschlich, schon übermenschlich, oder gar Fabelwesen sind.

Im Gegensatz dazu ist der Beamtenapparat oft korrupt, religiöse Würdenträger entpuppen sich als eigennützige Heuchler, selbst der Kaiserhof ist eigentlich nur ein Gespinst von Intrigen.

Wobei der Kaiser selbst dann wieder ein unschuldiges Opfer seiner Familienbande, seiner Berater und Hofschranzen sein kann. Ob im Yamen, im Tempel oder im kaiserlichen Palast – es gibt auch hier die Guten, die manchmal sogar mit den Helden des Jianghu an einem Strang ziehen.

Und der edle Held vom Beginn der Geschichte ist auch nicht per se vor Anfeindungen und Versuchungen sicher, kann sich im Laufe der Geschichte dem Bösen verschreiben. Menschliche Natur, gesellschaftliche Zwänge, sie alle beeinflussen die Handlung, das Handeln der Figuren.

Dazu kommt manchmal noch die Neuinterpretation eines etablierten Charakters in den zahlreichen Bearbeitungen, die vor allem durch die boomenden Film- und Serienproduktionen des Basisstoffs hervorkommen. Die Wandlungen allein der ursprünglichen Nebenfigur Dongfang Bubai etwa könnten ein eigenes Studienfach werden.

Jianghu - ohne jede Regeln?

Allerdings geht es auch im Jianghu bei aller Gesetzlosigkeit keineswegs anarchisch zu.

Die allgemeinen gesellschaftlichen Normen werden oft überschritten, aber innerhalb der „gesetzlosen“ Parallelgesellschaft gelten dann kurioserweise eben diese Normen weitgehend wieder. Jetzt nicht rigide und von oben herab bestimmt, sondern als eine Art basisdemokratischer Konsens. Geleitet von gemeinsamen Prinzipien wie Edelmut, Gerechtigkeit, Ehre, Treue, auch Verpflichtung gegenüber Mitstreitern (vor allem, wenn es um Rache geht). Die Alten sind zu ehren, die Jungen und Schwachen zu schützen, das Gemeinwohl steht über dem Eigennutz.

Dabei folgt man im Jianghu aber nicht stur Konfuzius. Der stellte die Regeln, die Ordnung über alles. 

Stattdessen wählen die Außenseiter einen mehr pragmatischen Weg – wird die Ordnung zum Hindernis, darf man die Regeln auch außer Kraft setzen. Zumindest, so lange es denn der Verbesserung der Gesamtsituation dient. So werden die ungeschriebenen Gesetze des Jianghu zur Richtschnur, nicht zu Fesseln. Wobei sie sich aber meist am strengen Konfuzius orientieren.

Doch spielt oft auch das Wulin hier hinein – die recht ehrenkäsige Gemeinschaft der Kung-Fu-Helden. Manchmal in ihren selbst auferlegten Regeln und Normen, in den Gespinsten der Sekten und Schulen rigider als die kühnsten Träume der Zentralregierung. Was wiederum zu internen Konflikten im Jianghu führen kann.

Illustration: Häuser am Hang nach einem Original von Shi Tao (ca. 1700)

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