Xu Xiake - eine biographische Skizze


Wir wüssten heute bitter wenig über das Hinterland Chinas in der Ming-Dynastie, hätte es nicht einen gut situierten Abenteurer gegeben - Xu Xiake (徐霞客), 1587 in der Provinz Jiangsu geboren, gestorben 1641 in Jiangyin. Eigentlich Xu Hongzu genannt, aber dann von Freunden mit dem Namen Xiake geehrt. Was man etwa übertragen könnte als "zum Sonnenuntergang den Wolken folgend". 

Ein Name, der Programm war. Denn Xu Xiake war zwar Literat, schrieb aber nicht in den hier eher wichtigen Genres der Abenteuerliteratur. Abenteuer erlebte er gewissermaßen nur "nebenher". Sein Metier war nämlich die 遊記文學 (Yóujì wénxué), die Reiseliteratur. Weit weg von den heutigen Reiseführern, in denen fast nur noch Highlights abgehakt werden. Sondern eine Sammlung von Aufzeichnungen, die der Autor auf seinen Wanderungen durch Welt niederschrieb. Beobachtungen, Essays zu lokalen Themen, Aufgeschnapptes von Einheimischen und anderen Reisenden. Was im Fall des Xu Xiake zu einem Mammutwerk wurde: Posthum zu seinen gesammelten Reisetagebüchern zusammengefasst, 400.000 Schriftzeichen lang, und in zwanzig Bänden publiziert. Ein herrliches Bild Chinas im frühen 17. Jahrhundert. Das Ergebnis von mehr als dreißig Jahren "on the road".

Wobei, Strassen gab es nicht immer, wo Xu Xiake wanderte. Meistens nur von seinem Diener Gu Xing begleitet, war er hauptsächlich zu Fuss oder auch Pferd unterwegs, an manchen Tagen rund fünfzig Kilometer abreißend. Auf daheim zumindest grob vorgeplanten Routen, die ihn zu bekannten Sehenswürdigkeiten führten, aber auch reich an Abstechern zu Neuentdeckungen waren. Und so ein Bild des historischen China ergaben, das seinesgleichen sucht. Wenn auch manchmal ein definitiv merkwürdiges: Was etwa hat es in den Aufzeichnungen des Jahres 1613 mit den Kaninchen auf sich, die jedes Jahr Dutzende Reisende verletzen oder töten? Man wünscht sich eine fundierte, mit Fußnoten versehene Übersetzung, die einschlägigen Programme stoßen oft an solche Grenzen. 

Wie konnte Xu sich dies leisten? Die Antwort ist relativ einfach: Er war das, was man heute ein "Nepo-Baby" nennen würde. Der zweite Sohn reicher Eltern, so dass er nie wirklich für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste. Und seine Mutter soll ihn sogar zum Reisen ermuntert haben. So machte er sich dann mit 21 Jahren zu seiner ersten "Forschungsreise" auf, zunächst die Heimatprovinz Jiangsu erkundend. Und immer fein Tagebuch führend, womit er dann zumindest als "Privatgelehrter" firmieren konnte.

Auf seinen weiteren Reisen, die ihn von Peking um Norden bis zum Südchinesischen Meer, im Westen sogar bis nach Tibet führten, wurde die Reisekasse aber doch gelegentlich leer. Zumal er auch ab und an unter die Räuber fiel, dann eher unerwünschte Abenteuer erleben durfte. Akute Geldnot bewältigte er dann meist sehr kreativ. Der Verkauf seiner besten Kleidungsstücke war mehr eine Notlösung im Extremfall. Ansonsten verhielt er sich wie moderne Influencer - er suchte Sponsoren, die er mit netten Geschichten unterhielt. Und war sich auch nicht zu fein, etwa von Klöstern Unterkunft und Verpflegung anzunehmen, ergänzt durch kleine Geldgeschenke. Im Gegenzug nahm er dann das fragliche Heiligtum als ein Highlight in seine Aufzeichnungen auf, und sollte so wohl für einen anhaltenden Pilgerstrom und Patronate sorgen.

Reich wurde er dadurch nicht, und schon gar nicht alt. Der unstete Lebenswandel, immer auf Achse, gönnte ihm keinen Lebensabend in bequemer Umgebung. Aber sein Ruhm hielt an, seine Schriften gelten heute noch als unersetzliche Zeitdokumente. 

Xu Xiake mag vielleicht nicht immer der zuverlässigste Berichterstatter gewesen sein, aber da zieht er letztlich mit Reiseschriftstellern wie Marco Polo (1254-1324) oder Ibn Battuta (1304-1368?) gleich. Wo Xu punkten konnte, das war in Sachen Sprachkenntnis - während die Außenseiter China oft schon rein linguistisch nicht verstehen konnten.

Lesenswert? Ja, wenn auch nicht in Übersetzung vorliegend - man findet chinesische Texte von Xu leicht im Internet, muss dann jedoch maschinell an die Übersetzung herangehen. 

Womit wir wieder bei den mörderischen Kaninchen wären ...

Illustration: Portrait des Xu Xiake aus der Sammlung des Lushan Museums von einem unbekannten  Künstler.

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