Jianghu im Legoland?
Bevor der Streit losgeht ... es geht hier im "Klemmbausteine", also jene Plastikklötzchen, die nach dem Prinzip "Lego" funktionieren. Ob die nun vom dänischen Marktführer LEGO (das ist die offizielle Schreibweise") selbst kommen, oder von anderen Anbietern hergestellt werden, ist irrelevant. Denn kompatible Steine herzustellen, und diese zu neuen Modellen zusammen zu stellen, ist weitestgehend legal. Das Kopieren ganzer Sets dagegen ist definitiv Produktpiraterie, und sowas will ich hier gar nicht vorstellen.
So weit, so gut ... aber gibt es im Jianghu denn überhaupt Klemmbausteine? Das kommt auf die Definition an. Und da ich die ohnehin nicht allzu eng fasse, versuche ich hier einmal einen knappen, kurzen Überblick.
Dänische Traditionsprodukte
LEGO selbst hat grundsätzlich drei Produktlinien, die man als Fan des asiatischen Abenteuers kennen sollte:
- Ninjago - eine quietschbunte Phantasiewelt irgendwo zwischen mittelalterlichem Edo und Tokyo im 21. Jahrhundert, in der eben Kampfkünstler Abenteuer erleben. Klingt alles sehr japanisch, ist aber zumindest teilweise pan-asiatisch verwendbar. Das Ninja-Thema sollte man nicht allzu historisch ernst nehmen, und die Minifiguren sind meist recht modern gehalten.
- Monkey Kid - eine Serie von Sets zur gleichnamigen Animation (oder umgekehrt?), die sehr lose auf der "Reise nach Westen" basiert. Das Grundthema wurde dabei gnadenlos in die moderne Spielwelt gezerrt. Einige brauchbare Sets für die Liebhaber des Jianghu waren dennoch dabei, und relativ viele verwertbare Minifiguren.
- Saisonprodukte - seit einigen Jahren beglückt LEGO die Welt mit Sets zum chinesischen Neujahrsfest (und seltener zu anderen fernöstlichen Feiertagen). Meistens Folklore und Bräuche reflektierend, mit sehr liebevoll gestalteten Details, und oft reichlich Minifiguren. Vielleicht die interessantesten Angebote, wenn man sich mit dem Jianghu in Klötzchenform befassen mag.
Dazu kommen noch die Pokémon ... die es einige Jahre zuvor auch vom US-Konkurrenten Mattel (unter dem kanadischen Label "Mega") ebenfalls gab. Passen ab und an dazu, aber sind nicht wirklich relevant.
Europäische Supermarktsware
Gelegentlich tauchen in Billigläden oder im Programm von Discountern LEGO-kompatible Klemmbausteine auf, bekannt sind etwa die "Playtive"-Sets von Lidl. Gerade bei letzteren gab es einige Motive, die sich doch recht nah an "Ninjago" orientierten. Und so auch für das kleine Klötzchen-Jianghu geeignet scheinen.
Wobei man anmerken muss, dass die mitgelieferten Minifiguren sich meistens recht deutlich vom LEGO-Männchen (oder LEGO-Weiblein) unterscheiden. Beinbruch? Ja, im direkten Vergleich. Nein, wenn man die Figuren im Hintergrund oder dunklen Ecken als "Lückenfüller" verwendet. Puristen wenden sich schaudernd ab.
Chinesische Importgüter
Wo soll man Motive aus dem Reich der Mitte finden, wenn nicht in China?
- Xingbao hat(te) vor allem zwei Serien mit jeweils acht großen, modularen Modellen im Programm. Die eine war von städtischer Architektur im Stil der späten Qing-Dynastie oder der Zeit der Republik geprägt, komplett mit reichlich Minifiguren nach LEGO-Schema. Was den professionellen Importeuren das Genick zu brechen drohte, denn auf die Minifiguren hat LEGO nun einmal Markenschutz. Teilweise wurden sie daher zum Verkauf in Europa rasch aus den Sets entfernt. Danach kam eine Serie von Gebäuden aus dem Chang An der Tang-Dynastie, die mehr püppchenhafte Figuren beinhaltete. Beide Serien sind nur noch in Restbeständen zu bekommen, selbst bei direkt in China ansässigen Händlern. Beachtenswert waren auch kleine Straßenszenen und eine chinesische "Hall of Fame", sowie als Einzelstücke die Kranichpagode von Wuhan, ein zeremonielles Boot und eine Dschunke.
- Decool bzw. Brickcool - die Stärke des Herstellers Decool sind vor allem Minifiguren, die serienweise auf den Markt kommen. Hervorragende Darstellung, viele Details, handbemalte Sonderteile vom feinsten. Aber, siehe oben, wegen ihrer LEGO-Nähe nicht für den kommerziellen Import nach Europa geeignet. Hervorzuheben sind die Figurensets zur "Geschichte der drei Königreiche", zu den "Räubern vom Liang-Schan-Moor" und zur "Reise nach Westen". Diese gibt es dann teilweise auch mit kleinen Szenen oder als "Buch"-Set. Eine weitere Figurenserie mit Figuren aus dem Boxeraufstand wurde 2026 gesichtet. Unter dem Label Brickcool wurde eine Serie von Sets zu den legendären Filmen um den Taoisten "Mr. Vampire" auf den Markt geworfen, ebenfalls recht Figuren-lastig.
- Pantasy - dieser kleinere Hersteller hatte neben dem Franchise "Kung Fu Panda" (muss man haben, denke ich jedenfalls) vor allem die Sets zur Serie "Nebengeschichten aus dem Wulin" im Programm. Bespielbare Gebäudefronten und ein Straßenzug mit reichlich Minifiguren im LEGO-Stil, ein wahres Vergnügen zum Bauen und Anschauen, mit viel (auf die Serie bezogenen) Humor in den Bauanleitungen. Rein personell kann man hiermit das Jianghu schon stilecht aufstocken.
- Zhegao - hier ragt eine Serie mit der Bezeichnung "Jiangnan Water Town" aus der Masse heraus, modulare Gebäude an einem Kanal. Wobei "modular" ein problematischer Begriff ist, da dieser in der LEGO-dominierten Bausteinwelt bestimmte Dimensionen fast voraussetzt. Die Gebäude von Zhegao sind jedoch einen Tick kleiner gehalten, auch die Ausstattung ist etwas bescheidener. Dennoch ein schönes Projekt, auch wenn die mitgelieferten Minifiguren zwar im LEGO-Stil, aber deutlich modern sind.
- Sembo - zu erwähnen ist vor allem eine Handvoll Sets zum C-Drama "Geschichte des Yanxi- Palastes", wobei die Gebäude keineswegs im Minifiguren-Massstab gehalten sind. Wer jedoch noch seinen Kaiserhof mit Minifiguren im LEGO-Stil versehen will, wird hier gut bedient. Mehr Konkubinen braucht man nicht ...
- Panlos - neben einigen nostalgischen Sets (die Zugfahrt zum Neujahrsfest sowie geschmückte Häuser sind im Stil der 1990er gehalten) bot der Hersteller zeitweise auch eine Jiangnan-Szene an. Im Gegensatz zu Zhegao aber eher Hausfronten mit hohem Spielwert durch fehlende Rückwände. Auch hier sind die Minifiguren eher modern.
- Wange - eher auf Modelle bekannter Gebäude spezialisiert, liefert Wange auch einige Highlights aus der chinesischen Geschichte. Diese sind aber im Maßstab wild durcheinander gehalten, eigentlich nie mit Minifiguren kompatibel (es liegen auch keine bei), und in der Qualität der Darstellung wechselnd. Relativ gut war eine Serie von Hausfronten im Hui-Stil, aber auch diese war in einer Minifiguren-Szene allenfalls als (etwas entfernter) Hintergrund geeignet. Persönlich nervt mich an Wange die teils recht scharfkantige Ausführung der Bausteine ...
- Winner - vor vielen Jahren bot Winner eine auf der "Reise nach Westen" basierende Serie von Sets an, die an sich nicht schlecht gestaltet war. Die mitgelieferten Minifiguren waren mehrheitlich im LEGO-Stil, aber westlich der chinesischen Grenzen wurde diese Serie m.W. nie angeboten.
Nicht mit LEGO kompatibel sind die Ministeine etwa von LOZ oder gar die Diamond Blocks diverser Hersteller. Man sollte sie jedoch nicht übersehen: Es gibt hier zahlreiche Sets mit chinesischem Thema, so etwa fast alle wichtigen Gebäude der Verbotenen Stadt, aber auch den Yangste-Staudamm, den Potala-Palast oder Gärten in und um Shanghai aus Diamond Blocks. Der Nachteil? Einen Tempel aus 8888 winzigen Steinchen schichtweise zu bauen mag Glück bringen, wird aber zu einer unter Wiederholung stark leidenden Erfahrung werden. Das Endresultat ist allerdings ohne Zweifel beeindruckend.
Die gelbe Gefahr ...
Noch ein letztes Wort zu den Minifiguren ... wenn ich oben "im LEGO-Stil" oder ähnlich schreibe, dann beschreibt das nur den groben Eindruck. In den Details kann es schon Unterschiede geben. Ob nun eingearbeitete Kniegelenke, leicht abgeänderte Torso-Formen, oder auch verschiedene Verbindungen zwischen Torso und Unterkörper. Aus normalem Abstand betrachtet kein Beinbruch.
Was aber fast immer ein wesentlicher Unterschied ist: LEGO liefert seine allgemeinen (also nicht an Lizenzen gebundenen) Minifiguren fast durchweg mit gelber Hautfarbe aus, also gelben "Köpfen" und "Händen". Die meisten chinesischen Anbieter dagegen wählten einen beigen Farbton, der näher an der natürlichen Hautfarbe von Menschen liegt.
Will man nun auch LEGO-Minifiguren China-kompatibel machen, bietet sich der Weg über das Ersatzteil an. Entweder wird eine dänische Lizenz-Minifigur kannibalisiert, oder man besorgt sich (in China) einige Packs mit Köpfen und Händen. Alles ist möglich. Man muss nur etwas suchen.
Illustration: Verschiedene Minifiguren mit chinesischer Thematik aus meiner Sammlung - nur der Glücksgott ganz links stammt von LEGO selbst.

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