Der moderne Hang zum Hanfu
Schlendert man durch chinesische Städte mit historischer Bausubstanz, ist man also mehr oder minder auf der Touristenroute unterwegs, werden einem über kurz oder lang kostümierte Menschen meist weiblichen Geschlechts entgegenkommen. Es ist weder Karneval noch Comic-Con, diese Leute leben einfach ihren Hang zum Hanfu in aller Öffentlichkeit aus.
Hanfu? Ein Wort, das vieles bedeuten kann, und doch relativ eindeutig ist: 汉服 bedeutet schließlich nur "Kleidung der Han".
Das nun mit "chinesische Klamotten" gleichzusetzen, es wäre fatal. Denn genauer betrachtet gilt dieser Begriff eben nur für von der (dominanten) Bevölkerungsgruppe der Han getragene Kleidung. Und damit wird dann auch die historische Periode grob umgrenzt - von der grauen Vorzeit bis hin zum Ende der Ming-Dynastie. Denn es geht hier ja nicht um die schlichte Alltagskleidung der Landbevölkerung und Wanderarbeiter, sondern um die Modestile des Mittelstandes und der Oberschicht. Und die wurden mit Errichtung der Qing-Dynastie durch die Mandschu auf konform gebürstet. Hanfu war out, der Kleidungsstil der Mandschu war in, für im staatlichen System arbeitende Menschen sogar Pflicht. Ganz grob gesagt, denn die Liste der Ausnahmen ist lang.
Und nach der Revolution? 1912 hatten die Führungskräfte der Republik immerhin Zeit, den Kleidungsstil des "offiziellen China" neu zu definieren. Mit der Wahl zwischen "westlicher Kleidung" oder dem Mandschu-Stil. Der Trend ging immer mehr nach Westen, wobei dann plötzlich der 中山裝 (Zhōngshān zhuāng, also "Zhongshan-Anzug" oder "Sun-Yat-sen-Anzug) auftauchte, egalitär und für beide Geschlechter prinzipiell gleich. Nach einem Design des gleichnamigen Revolutionärs, einfach im Schnitt, mit Außentaschen und Stehkragen. Grundsätzlich an Uniformen, vor allem japanischen Studentenuniformen orientiert. Um die Verwirrung voll zu machen, wurde diese Kreation dann nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit als der "Mao-Look" bekannt, der Grosse Steuermann trug ihn schließlich seit 1927 zu jeder Gelegenheit.
Dach dann ... wurde um die Jahrtausendwende Hanfu wieder populär. Nicht aus oppositioneller Nostalgie, sondern als Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Kultur. Hanfu ist, wenn man so will, ein Statement für die chinesische Identität. Und wird vom Staat nicht nur toleriert, sondern seit Jahren schon als Trend fast gefeiert.
Wobei Hanfu nicht gleich Hanfu ist: Laut dem Modemagazin "Vogue" handelt es sich um die Kleidung einer jeden Zeitepoche, in der die Han herrschten. Was sie technisch gesehen lange taten (s.o.) und heute wieder tun: 1,3 Milliarden Han machen die Ethnie zur größten der Welt, rund 18% aller Menschen sind Han. Han stellen 92% der Bevölkerung in der Volksrepublik China, sogar rund 97% auf Taiwan, 70% der Einwohner Singapurs sind Han (und immerhin noch 24% aller Bewohner Malaysias). Also ein geographisch weites Feld, historisch nur grob umrissen. So gesehen ist die Mao-Jacke dann eben auch irgendwie wieder Hanfu.
Ergo orientiert man sich besser an historischen Perioden - die weitaus meisten Exemplare von Hanfu im heutigen Leben imitieren die Kleidungsstile der Tang-, Song- oder Ming-Dynastie. Regional unterschiedlich gewichtet, in der alten Tang-Hauptstadt Xi'an etwa findet man etwa mehr Tang-Kleidung als in Peking, wo der Ming-Stil dominiert.
Dabei wird modernes Hanfu dann von Experten in drei Klassen unterschieden:
- Genaue Reproduktionen unter Verwendung korrekter Materialien und Herstellungsweisen, basierend auf historischen Illustrationen;
- "Modernes Hanfu", also auf den ersten Blick historisch wirkende Kleidung, dessen Materialien und Herstellungsweisen dem Alltag des 21. Jahrhunderts entstammen - im Prinzip überzeugende Kostüme, die aber auch eigentlich anachronistische Verbesserungen aufweisen können (und dann eben auch mal mit Sneakers getragen werden, man will sich ja bequem fortbewegen);
- 漢元素 (Hanyuansu, etwa "Kleidung mit Hanfu-Elementen"), moderne Alltagskleidung, die teils nur in Details an historische Stücke erinnert, und somit kein echtes Hanfu darstellen.
Kurzum: Wer in Hanfu auf Tour geht, der (oder meistens die) sieht gut aus, legt aber nicht unbedingt Wert auf zustimmendes Nicken von Archäologen und anderen Akademikern.
An was erinnert das? Logisch, den deutschen Mittelaltermarkt, auf dem man mit "Gewandung" seine theatralische Ader zeigt. Und auf dem dann Tempelritter auf Landsknechte treffen, und man zwischen all den adligen Herren, edlen Rittern und just Heavy-Metal-Covern entsprungenen Magiern auch nicht einen einzigen einfachen Bauern zu Gesicht bekommt. Und wo zu Wikingerschild und Streitaxt die Springerstiefel zum Einsatz kommen. Manchmal auch der Hörnerhelm.
Illustration: Zwei Chinesinnen im vollen Hanfu-Ornat, umgeben von westlichen Touristen im Tempel des Himmels (Peking) - und Selfie muss sein!

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